Vincent Kompany hat in seiner Zeit als Profifußballer viel erlebt. Mehr als 600 Profispiele hat er auf dem Buckel, wurde belgischer Meister mit Anderlecht, gewann viermal die Premier League mit Manchester City - und mit dem HSV immerhin den UI-Cup. Kurzum - der heutige Trainer des FC Bayern ist viel rumgekommen. Doch bei all der Expertise, die er gesammelt hat, ist er in einem Aspekt vollkommen blank: "Ich habe in 20 Jahren Karriere nie auf Kunstrasen gespielt", erklärte der 40-Jährige.
"Antwort habe ich selber nicht" - Kunstrasen gibt Kompany Rätsel auf
Das ist relevant, weil der FC Bayern am Dienstag (ab 21 Uhr live in der Radioreportage bei BR24Sport) genau auf diesem Untergrund bei Viking Stavanger ein Champions-League-Spiel bestreitet. Und weil es seinen Spielern da ganz ähnlich geht, reist der FC Bayern schon etwas früher nach Norwegen, um das Abschlusstraining - anders als sonst - im Stadion des Gegners abzuhalten. "Wenn die Spieler das zum ersten Mal machen müssen, dann können wir vielleicht besser einmal dort trainieren, damit wir das Gefühl bekommen, zum Beispiel was für Schuhe man tragen muss. Diese Antwort habe ich selber nicht", erklärte Kompany.
"Verletzungsrate etwas höher" - Experte warnt vor Belag
Zum einen geht es ums Spielerische: Der Ball springt auf dem Kunststoff-Geläuf höher und anders ab, der Ball rollt schneller, Unebenheiten gibt es kaum. Zum anderen gibt es auch medizinische Bedenken beim Kunstrasen. "Die Frage, ob Kunstrasen beim Fußball gefährlicher ist als Naturrasen, ist relativ gut untersucht. Grundsätzlich sind die Verletzungshäufigkeiten ähnlich", erklärt Prof. Dr. Markus Walther, Chefarzt im Fachzentrum für Fuß- und Sprunggelenkchirurgie in der Schön Klinik München Harlaching, und fügt dann an: "Allerdings ist im Bereich von Fuß- und Sprunggelenk die Verletzungsrate beim Kunstrasen etwas höher."
Das liege vor allen Dingen daran, dass der Stollenschuh mehr am Rasen haftet. Bei schnellen Bewegungen, Drehungen und Richtungswechseln ein manchmal entscheidender Unterschied, ob eine Aktion glimpflich oder in einer Verletzung endet. Auch Harry Kane kann die zusätzliche Belastung bestätigen. Mit der englischen Nationalmannschaft trug er ein Spiel in Litauen auf Kunstrasen aus: "Man muss sich kurz an den Belag gewöhnen; er geht etwas stärker auf Knie und Knöchel", sagte er gegenüber dem FC-Bayern-Magazin "51" und betonte die Bedeutung der Wahl des richtigen Schuhwerks.
"Wie ein Hockeyfeld" - Kimmich erinnert sich an Jugendfußball
Das größte Sorgenkind des FC Bayern, was Verletzungen im Bereich von Knie und Knöchel angeht, Jamal Musiala, steht nicht im Kader für das Spiel in Stavanger. Er fällt mit einem Muskelfaserriss aus. Doch auch die anderen Spieler sollen sich nach Möglichkeit nicht verletzen – doch gehen die Sache recht gelassen an: "Ich habe ehrlicherweise schon länger nicht mehr auf Kunstrasen gespielt. Es ist schon anders. Ich glaube, dass sich die Kunstrasenplätze entwickelt haben in den letzten Jahren. Die sind nicht mehr so, wie bei mir in der Jugend – zumindest hoffe ich das. Da waren es dann eher so diese ganz kurzen Kunstrasen, wie ein Hockeyfeld", erklärte Kimmich.
Auch Manuel Neuer betont die Wichtigkeit der Schuhwahl, sieht aber auch einen positiven Aspekt an dem ungewohnten Untergrund: "Ich glaube, das Passspiel wird vernünftig sein, weil der Rasen sehr flach ist." Kommt der Kunstrasen womöglich dem schnellen Spiel des Rekordmeisters entgegen? Oder haben die Hausherren vom Viking FK doch einen großen Vorteil, da sie mit dem Geläuf vertraut sind?
Fallbeispiel Bodö/Glimt - nicht nur Kunstrasenvorteil
Der norwegische Ligakonkurrent der Stavanger Wikinger und Überraschungsmannschaft aus der vergangenen Champions-League-Saison, Bodö/Glimt, wird gerne als Beispiel für einen solchen Heimvorteil angeführt. Wie sonst hätten die Underdogs gegen Manchester City (3:1) und Inter Mailand (3:1) gewinnen können? Dass das ausschließlich am Kunstrasen lag, lässt sich entkräften, weil Stavanger nicht nur gegen Inter ebenfalls auswärts gewann, sondern auch gegen Atletico Madrid (2:1) und bei Borussia Dortmund 2:2 spielte.
Auch die Wissenschaft ist sich uneins. Während einige Studien zu dem Schluss kommen, dass Kunstrasen-Heimmannschaften einen Vorteil von etwa 0,3 Toren (Barnett & Hilditch Externer Link) oder gar 0,39 Toren und 0,32 Punkten pro Spiel (Jan C. van Ours Externer Link) haben, legen andere Studien nahe, dass es keinen signifikanten Vorteil gibt (Cristiano Diniz da Silva Externer Link).
Die Spieler des FC Bayern werden am Dienstagabend womöglich zur Aufklärung dieser ungewissen Studienlage beitragen können. Eines ist jedoch sicher: Als Ausrede für einen möglichen Punktverlust darf beim deutschen Rekordmeister den Kunstrasen niemand benutzen - das hat Vincent Kompany bereits im Vorfeld angekündigt.
Im Video: Manuel Neuer spricht über Kunstrasen
FC Augsburg - Bayern München
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