Manuel Neuer redete nach seinem Fauxpas nicht lange drumherum. "Es ist natürlich ein böser Patzer gewesen", sagte der Torwart des FC Bayern im Sportschau-Interview. Er wusste die Situation schnell einzuschätzen. Lediglich ein paar Sekunden waren gespielt, da chippte er den Ball weit vor seinem Tor an Robin Fellhauers Rücken.
Der Augsburger Fellhauer, der eben diesen Ballgewinn geplant hatte, wie er später verriet, schnappte sich die Kugel und schoss nach acht Sekunden das 1:0 für den FC Augsburg, es war das schnellste Tor der Geschichte in der Fußball-Bundesliga. "Ein Rekord, den ich mir jetzt nicht anheften möchte", grummelte der einstige Nationaltorhüter Neuer.
Neuers Patzer trifft den FC Bayern in einer sensiblen Zeit
Neuer wäre aber nicht Neuer, wenn er nicht ein paar Sätze später noch das betont hätte: Ansonsten sei er zufrieden mit seinem "ordentlichen Spiel" gewesen. "Ich war dann da, wenn ich da sein konnte." Fehler ja, aber wenn dann ganz wenige. Es ist dieses unbändige Selbstbewusstsein, das Neuer seit 15 Jahren zur unumstrittenen Nummer eins des FC Bayern München macht.
Und doch, das muss sich auch Neuer eingestehen, trifft sein "böser Patzer" den FC Bayern und Manuel Neuer in einer gerade etwas sensiblen Zeit. Schließlich ist es Neuers vermutlich letztes Jahr als Fußball-Torwart. Noch lässt er das Karriereende im Sommer offen, doch zumindest zwischen den Zeilen hat er es bereits mehrmals angedeutet.
Nachfolger Urbig steht in den Startlöchern - und überzeugt im Nationaltor
So soll in dieser Saison sein Stellvertreter, der Kronprinz Jonas Urbig, als Nachfolger eingelernt werden. Urbig gilt als hoch talentiert, als kommender Weltklasse-Torhüter - und er macht gerade größere Schritte, als es die Münchner vielleicht geplant hatten. Denn er hat in diesen Tagen mit ordentlich Rückenwind München erreicht.
Zweimal stand der 23-Jährige zuletzt im Nationaltor, sowohl beim DFB-Debüt in München als auch in Thessaloniki blieb er ohne Gegentreffer. Und zeigte in Griechenland einen fulminanten Reflex. Unmittelbar nach jener ersten Spielminute wohlgemerkt, in der Neuer nun in Augsburg patzte. Früher oder später könnte Urbig so den Zuschlag im Nationaltor bekommen. Und beim FCB? Wird der hochdekorierte Neuer gar noch zur "Lame Duck" in dieser Saison?
Kompany muss erste Torwart-Nachfragen parieren
Davon ist nicht auszugehen. Die Torwart-Hierarchie ist klar definiert. Und doch, die ersten Nachfragen über eine Änderung dieser musste der Trainer Vincent Kompany jüngst bereits parieren: "Wir haben uns für einen ganz deutlichen Weg entschieden mit Manu als Nummer eins und Jonas als Jungen, der auf dem Weg ist, auch irgendwann hoffentlich die Nummer eins zu werden für Bayern", sagte er bei Sky.
Urbig soll demnach Einsatzminuten sammeln, im September hatte der Belgier betont, dass Urbig langfristig die Nummer eins beim FCB und DFB sein soll. Mehr aber erstmal nicht. Auch ob Urbig vielleicht am Dienstag in der Champions League in Stavanger (ab 21 Uhr live in der Radioreportage bei BR24Sport), ließ der Coach offen. "Wir schauen uns an, was die nächsten Spiele angeht, aber dazu kann ich noch nix sagen."
Neuer dürfte die Situation schnell abhaken - trotzdem könnten leise Zweifel aufkommen
Neuer wird seinen Status als Nummer eins behalten, zu groß sind seine Verdienste für den FC Bayern, zu viel hält Kompany von ihm. Der auch am Samstag sagte: "Das passiert. Dieses Gefühl, das kann man nicht jetzt ändern oder schönreden. Aber wenn das jetzt einem 20-jährigen Torwart passiert, dann hast du als Trainer ein bisschen Arbeit. Aber Manu ist genauso alt wie ich. Der weiß, wie er damit umgehen muss." Stimmt schon, Neuer hat schon alles erlebt. Mit seinem Selbstverständnis (siehe oben) hakt er das auch so schnell ab wie kein anderer Torhüter der Welt.
Und doch werden, sofern Urbig sich schadlos und seinen Kasten weiter sauber hält, in den kommenden Wochen und Monaten vielleicht weitere, zumindest leise Fragen aufkommen, ob in einem Champions-League-Viertelfinale gegen Real Madrid oder einem CL-Halbfinale gegen Paris St. Germain nicht doch Jonas Urbig spielen sollte? Nur kurz erinnert sei an dieser Stelle ans vergangene Frühjahr, als Neuer Reals Arda Güler in der ersten Spielminute (!) einen Ball in die Füße spielte - und das Duell mit Madrid erst wieder spannend machte. Gut, und zwei Wochen später in Paris kassierte der 40-Jährige bei sechs Torschüssen fünf Gegentreffer.
Neuer fällt Fellhauers Plan zum Opfer
Und dann war da ja auch noch diese Randnotiz aus Augsburg, die noch etwas über den "bösen Patzer" verriet. Der schnelle Torschütze Fellhauer erzählte im Sportschau-Interview: "Wir haben vorm Spiel gesprochen, was Bayern vorhat, wenn sie Anstoß haben. Deswegen war mein Job, Druck zu machen auf den Torwart, dass der den langen Ball nicht kontrolliert spielen kann."
Das hat dann dem Vorhaben entsprechend geklappt, Neuer hat die Kugel wenig kontrolliert an Fellhauers Rücken gechippt. Die anderen Klubs Europas dürften genau hingeschaut haben.
Im Video: Die Highlights der Partie FC Augsburg - FC Bayern München
Michael Olise und Calvin Brackelmann im Zweikampf
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