Knapp neun Kilometer liegen zwischen der Münchner Theresienwiese und der Allianz Arena. An beiden Orten schlug das Stimmungsbarometer am Donnerstagabend weit nach oben aus – geht es nach Jürgen Klopp, gab es dahingehend einen klaren Sieger. "Ich habe keine Ahnung, was auf dem Oktoberfest los war. Wahrscheinlich war es nett, aber hier ...", meinte der Bundestrainer im Anschluss an den Sieg der deutschen Nationalmannschaft in der UEFA Nations League gegen Serbien (2:0) vielsagend am ARD-Mikrofon. Eine sich anbahnende Debatte erstickte der 59-Jährige sofort im Keim.
Tempo und Elan: Deutschland begeistert mit Klopp-Fußball
Nur vier Tage nach der enttäuschenden Niederlage gegen Griechenland (0:1) präsentierte sich die DFB-Elf von einer völlig neuen Seite – was auch der Tatsache geschuldet war, dass in München der zweite Teil von Klopps XXL-Kader zum Zug kam. Diese radikale Umwälzung hatte zur Folge, dass es auf dem Rasen zu einer noch nie dagewesenen Konstellation kam – und zu einer eindrucksvollen Symbiose.
So avancierte etwa Florian Wirtz zum besten Spieler auf dem Platz, was unter anderem auch an seinem Zusammenspiel mit zwei Stars des FC Bayern zusammenhing. Aleksandar Pavlovic und Tom Bischof verliehen dem deutschen Mittelfeld eine gesunde Frische, vor allem Bischof blühte dank des äußerst temporeichen und vertikalen Spielstils unter Klopp regelrecht auf. Ein Beispiel gefällig?
Im Video: Serge Gnabry über den ersten DFB-Sieg unter Klopp
Serge Gnabry hat die Nationalmannschaft als Kapitän auf den Platz geführt
Nach einer kleinen Unachtsamkeit der DFB-Elf in der eigenen Hälfte bot sich Serbien in der 22. Minute die Chance zum Konter. Doch Bischof war wie so oft an diesem Abend sofort zur Stelle, ergrätschte sich den Ball, orientierte sich blitzschnell nach vorne und lancierte mit einem Pass auf den linken Flügel den Gegenangriff. Der 21-Jährige war ein Aktivposten, bewegte sich clever zwischen den Räumen und brach später mit seinem Tor zum 1:0 sogar den Bann vor heimischer Kulisse.
Klopp und der deutsche Fußball der Zukunft
Wie Bischof wusste jedoch die gesamte Nationalmannschaft nach einer gefühlten Ewigkeit wieder zu begeistern. "Die Jungs haben alles rausgehauen, es war super intensiv. Wir haben fantastisch gegen den Ball gearbeitet, mit ihm unglaublich gespielt", schwärmte Klopp. "Wir waren mutig, unser Gegenpressing ist komplett durch die Decke gegangen."
Im Video: Tom Bischof jubelt nach DFB-Sieg
Tom Bischof feiert mit Florian Wirtz
Doch Klopp warnt vor einer verfrühten Euphorie. "Wir werden das Spiel auf gar keinen Fall überbewerten, um Himmels Willen", merkte er an. "Vor zwei Tagen sage ich noch, dass alles ein Prozess ist. Heute gewinnen wir und ich sage, dass wir genau da sind, wo wir sein wollen? Das wäre doch Blödsinn. Aber das Spiel hat stattgefunden und ich werde es nicht ignorieren."
Die Art und Weise, mit welcher die DFB-Elf einem völlig überforderten Serbien nicht den Hauch einer Chance ließ, solle auf jeden Fall der deutsche Fußball der Zukunft sein. Das wirft eine brisante Frage auf.
Im Video: Jonas Urbig spricht nach seinem DFB-Debüt
Jonas Urbig hat sein Debüt für die Nationalmannschaft gefeiert
DFB-Elf glänzt ohne seine Platzhirsche
Immerhin stach ins Auge, dass bei dem befreiten Aufspielen so mancher Platzhirsch auf dem Platz fehlte. Prominente Namen wie etwa Joshua Kimmich, Kai Havertz oder auch Jonathan Tah fehlten gegen Serbien. Ihre Abwesenheit aber mit dem Aufblühen von Wirtz oder einem frei aufspielenden Deutschland in Verbindung zu bringen – davon war Klopp meilenweit entfernt. "Flo braucht keine bestimmten Spieler, die mit ihm zusammenspielen. Unsere Spielweise passt einfach zu ihm", unterstrich er. "Bei diesem Lied kann ich nicht mitsingen."
Die hervorragenden Leistungen einzelner Akteure hat Klopp notiert, will sie aber genauso wie die schwächeren Auftritte von manchem Nationalspieler gegen die Niederlande oder Griechenland nicht überbewerten. Am Ende gebe es nur ein Ziel: "Dass wir in unterschiedlichsten Konstellationen eine bestimmte Art von Fußball spielen können", hob Klopp hervor. "Der Fußball muss konstant bleiben. Die Aufstellung kann das aufgrund von Verletzungen nicht."
Klopp will unabhängig von Starspielern sein
Mit anderen Worten: Klopp will eine Philosophie etablieren, die unabhängig von einzelnen Spielern ist. Trotzdem dürfen sich Bischof und Co. einer Tatsache gewiss sein: Dass ausgerechnet sie für den ersten Sieg von Klopp als Bundestrainer gesorgt haben, ist auch aufgrund der Art und Weise ein dickes Ausrufezeichen. Und nicht zuletzt eine Kampfansage an die Platzhirsche.
Jürgen Klopp, Trainer der deutschen Nationalmannschaft
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