Am Ende saß Julian Nagelsmann einfach nur auf der Bank, den Kopf gesenkt, die Hände verknotet, als wollte sich der gebürtige Landsberger noch ein paar Minuten der Realität von Boston entziehen, ehe er sich der Außenwelt, der Kritik, den Mikrofonen stellen musste.
Dabei war das Debakel vorprogrammiert. Die Schmach der deutschen Nationalmannschaft gegen Paraguay im Sechzehntelfinale der Fußball-WM 2026 war eine mit Ansage. Deutschland dominierte am Montag Ballbesitz und Spielgeschehen, hatte die größeren Namen auf dem Spielfeld, entfaltete aber kaum Durchschlagskraft.
Am Freitag (03.07.2026) reichte Julian Nagelsmann seinen Rücktritt als Bundestrainer ein, nachdem ihm dieser Tags zuvor von der DFB-Spitze empfohlen worden war.
Kaum Torchancen, wenige Ideen
In den vier WM-Spielen für Deutschland wurden Baustellen offengelegt, die direkt mit Entscheidungen von Nagelsmann zu tun haben. Zwar stellte sich FC-Bayern-Star Joshua Kimmich etwa hinter seinen Coach: "Das ist von vielen Trainern ein Problem, dass - wenn es sportlich nicht läuft - die Spieler die Ausrede beim Trainer suchen. Das ist bei uns nicht der Fall." Am Ende aber stehen taktische Mängel und grobe Fehlentscheidungen.
Die Offensivlust der DFB-Elf beim Auftaktspiel gegen WM-Neuling Curacao (7:1) war schon gegen die Elfenbeinküste (2:1) und Ecuador (1:2) wieder verpufft. Zu keinem Zeitpunkt war Deutschland offensiv dauerhaft gefährlich, nur punktuelle Aktionen ließen über die blassen Angriffsbemühungen hinwegsehen.
Am Montag war es das eher glückliche 1:1 durch Kai Havertz, das kaschierte, dass die Mannschaft sich nicht genügend Torchancen erarbeitet hatte und kaum Ideen gegen die defensiven Südamerikaner hatte.
Im Video: Nagelsmann im Interview
Julian Nagelsmann
Kommunikationsdebakel und Personal-Theater
Und so wurden vor allem die Partien gegen Ecuador und Paraguay zum Anschauungsmaterial dafür, wie man es nicht macht, wie sehr sich Fehlentscheidungen während der WM-Vorbereitung und während des Turniers sofort negativ auf die Performance niederschlagen.
Die personelle Besetzung Nagelsmanns sorgte schon vor dem Turnier für Aufregung: Das Kommunikationsdebakel um die Causa Manuel Neuer/Oliver Baumann, die Kadernominierung, der Umgang mit Deniz Undav.
Doch auch als das Turnier schon angefangen hatte, entschied sich Nagelsmann für höchst fragwürdige Schachzüge. Zum Beispiel Nick Woltemade, der mit seinen 1,98 Metern als Präsenz im Strafraum wertvoll gewesen wäre, blieb nach dem Test gegen Finnland völlig außen vor, bis er gegen Paraguay in der 88. Minute eingewechselt wurde.
Stures Festhalten an Ex-Bayer Sané
Daneben fehlten in Nagelsmanns Kader Alternativen für die Position des rechten Außenverteidigers sowie dribbelstarke Optionen auf den Flügeln. So blieb kaum etwas anderes übrig, als auf Ex-Bayer Leroy Sané zu setzen – der sich aber zu oft erfolgslos in Eins-gegen-zwei-Dribblings aufrieb.
Felix Nmecha schien derweil etwas zu früh zum Hoffnungsträger erklärt worden zu sein – in den letzten beiden Spielen war der Dortmunder an mehreren Gegentoren entscheidend beteiligt.
Auch der Bayern-Block glänzte kaum: Kapitän Kimmich konnte als Rechtsverteidiger nicht wie gewohnt auf das Spiel einwirken. Jamal Musiala sucht nach seiner schlimmen Verletzung immer noch seine Form. Aleksandar Pavlović kam als Ballverteiler und Balleroberer nicht ins Rollen und Leon Goretzkas beste Zeit scheint ebenfalls hinter ihm zu liegen.
Bleibt noch Florian Wirtz, bei dem gegen Paraguay alles schiefzulaufen schien: die Doppelpässe waren schlampig, kein einziger Torschuss, kaum erfolgreiche Dribblings. Sein bester Beitrag war die Halbfeldflanke auf Havertz zum 1:1, die der Arsenal-Star irgendwie in den Kasten bugsierte.
Im Video: Kimmich im Interview
Joshua Kimmich
Schweinsteiger-Kritik und Erinnerungen an FC Bayern
Nagelsmanns Konzept ist gescheitert: die Rollenvergabe, seine "Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand"-Mentalität, seine Personalpolitik mit Neuer statt Baumann, sein verbissenes Festhalten an Sané. Anstatt einfachen, klaren Fußball zu spielen, verkopften sich Nagelsmann und die Mannschaft. Es fehlte an Kreativität und an Ideen. Entsprechend verdient kam das WM-Aus - auch für den ARD-Fußball-Experten Bastian Schweinsteiger: "Das Passspiel war nicht sauber. Es fehlte die Kreativität, die man bei einer Weltmeisterschaft braucht", analysierte der Weltmeister von 2014. "Dadurch ist es schwer, sich Torchancen herauszuspielen. Gerade gegen Mannschaften, die sehr tief stehen."
Nagelsmann tritt beim DFB zurück
Überhaupt weckte das Turnier Erinnerungen an Nagelsmanns Zeit beim FC Bayern: Die Zündschnur des 38-Jährigen wurde immer kürzer, die Körpersprache angespannter. Damals wurde Nagelsmann in seiner zweiten Spielzeit entlassen - und das, obwohl der Oberbayer als "Langzeit-Projekt" eine Ära prägen sollte. Nun ist auch seine Zeit beim DFB vorzeitig beendet. Unmittelbar nach dem WM-Aus hatte er einen Rücktritt noch ausgeschlossen: "Ich stehe bereit, wenn man das möchte." Auch in einer Krisensitzung am Donnerstag in Frankfurt soll er dazu noch nicht bereit gewesen sein. Am Ende wurde der Druck aber doch zu groß. Nach 1015 Tagen endet die Zeit von Nagelsmann vom DFB.
Tabellenführung und Abstiegskampf, aktuelle Spielpaarungen, Ergebnisse und Liveticker, Torjägerlisten, Laufleistung- sowie Zweikampfstatistiken und noch viel mehr: Fußball im Ergebniscenter von BR24Sport.


