Die FIS will den WM-Kalender im Skisport grundlegend umbauen. Künftig sollen Weltmeisterschaften nicht mehr nur alle zwei Jahre, sondern auch in olympiafreien Jahren stattfinden.
Beim Deutschen Skiverband stößt der Vorstoß auf gemischte Reaktionen. Chancen und Risiken liegen aus Sicht des Verbands eng beieinander, erklärte Stefan Schwarzbach, Vorstand Kommunikation und Geschäftsführer der DSV Marketing GmbH, im Exklusivinterview mit BR24Sport.
FIS will das Zwischenjahr mit einer WM füllen
Nach den Plänen des Weltverbandes sollen künftig in allen nicht-olympischen Jahren Weltmeisterschaften stattfinden. Bislang werden die Titelkämpfe in den großen FIS-Sportarten im Zwei-Jahres-Rhythmus ausgetragen. Das soll sich ändern. Schon ab 2028 könnte es zusätzliche Weltmeisterschaften geben, spätestens ab 2032 soll das neue Modell greifen.
Schwarzbach betont, dass die Entscheidung weiter reicht als zunächst angenommen. Nach seiner Darstellung handelt es sich inzwischen nicht mehr nur um eine Idee oder eine Diskussionsgrundlage: "Der Entschluss ist jetzt soweit gefasst. Ist damit auch ein Beschluss des internationalen Verbandes."
Offen sei allerdings noch, wann genau die zusätzlichen Weltmeisterschaften eingeführt werden: "Die große Frage ist eben, ob bereits ab 2028 oder erst ab 2032." Zudem müsse geklärt werden, welche Disziplinen bereits zu Beginn Teil des neuen Konzepts sein können.
Diskussion um den Wert von WM-Titeln
Nicht überall stößt der FIS-Vorstoß auf Zustimmung. Zu den Kritikern zählt unter anderem der Österreichische Skiverband. Schwarzbach verweist darauf, dass die Debatte keineswegs neu ist: "Seit vielen Jahren wird das immer wieder diskutiert."
Eine zentrale Frage lautet, ob Weltmeistertitel an Wert verlieren könnten: "Ob der sportliche Wert, wenn jedes Jahr Weltmeistertitel vergeben werden, dann vielleicht nicht mehr so hoch ist."
Zum Vergleich verweist Schwarzbach auf Biathlon. Dort werden bereits seit Jahrzehnten jährlich Weltmeister gekürt. Gleichzeitig werde auch dort regelmäßig diskutiert, ob die Vielzahl der Titelkämpfe nicht zu einer gewissen Inflation führe. Dennoch gebe es aus seiner Sicht keine einfache Antwort auf die Frage, welches Modell grundsätzlich das bessere sei.
Mehr Medaillenchancen, aber auch höhere Belastung
Der DSV lehnt die Pläne grundsätzlich nicht ab. Im Gegenteil. "Es gibt sicherlich einige Punkte, die dafür sprechen", so Schwarzbach. Zusätzliche Weltmeisterschaften würden den Athletinnen und Athleten weitere Chancen auf große Erfolge bieten. Gerade für erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler könnten zusätzliche Titelkämpfe eine attraktive Perspektive sein.
Gleichzeitig sieht der DSV aber auch sportliche Risiken. "Natürlich [steigt] mit einem zusätzlichen Großereignis in so einem Vierjahreszyklus noch mal auch die Belastung für die Athletinnen und Athleten", sagt Schwarzbach.
Eine zusätzliche WM bedeute nicht nur weitere Wettkämpfe, sondern auch zusätzliche Vorbereitungs- und Organisationszeiten. "Dann sind es in Summe drei Wochenenden, die fehlen. Die müssen in irgendeiner Art und Weise dann wieder hereingeholt werden." Der ohnehin dicht gedrängte Weltcup-Kalender könnte dadurch weiter unter Druck geraten.
Nordische Disziplinen und Telemark im Blick
Besonders kritisch blickt der DSV auf die Folgen für die nordischen Disziplinen. Dort seien geeignete Austragungsorte begrenzt, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen oft schwieriger als im alpinen Skisport. Entsprechend deutlich fällt Schwarzbachs Einschätzung aus: "Insbesondere bei der Nordischen WM fehlt mir gerade so ein bisschen die Fantasie, wie das dann jedes Jahr möglich sein soll (...) Bei den nordischen Disziplinen bin ich schon ein Stück weit skeptischer, ob das gelingt."
Gleichzeitig erkennt der DSV darin auch Potenzial für positive Entwicklungen. Mit Blick auf die Nordische Kombination, die 2030 nicht Teil des olympischen Programms sein wird, könnte eine zusätzliche WM neue Aufmerksamkeit schaffen: "Da wäre so eine zusätzliche Weltmeisterschaft unter Umständen auch eine ganz gute Kompensations- beziehungsweise Präsentationsfläche oder Möglichkeit."
Auch andere Sportarten könnten profitieren: "Telemark fällt mir jetzt gerade spontan noch ein. Die hätten natürlich dann noch mal die Möglichkeit, da gegebenenfalls sich noch mal zusätzlich zu präsentieren."
DSV warnt vor wirtschaftlichen Risiken
Vorsichtig äußert sich Schwarzbach beim Thema Finanzen. Zusätzliche Weltmeisterschaften könnten dem Weltverband zwar weitere Einnahmen verschaffen. Für die Ausrichter vor Ort stelle sich die Rechnung jedoch häufig deutlich komplizierter dar. "So ein Großereignis ist nicht die viel zitierte Cash Cow", sagt Schwarzbach.
Als Beispiel nennt der DSV die Nordische Ski-WM 2031 in Oberstdorf. Dort werde bereits heute mit spitzem Bleistift kalkuliert. Zusätzliche Erlöse auf Verbandsebene dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass Organisation und Durchführung großer Titelkämpfe erhebliche Kosten verursachen.
Schwarzbach verweist darauf, dass die wirtschaftlichen Interessen des Weltverbandes und die Realität der Ausrichter nicht immer deckungsgleich seien: "Man muss die wirtschaftliche Komponente differenziert betrachten."
Viele offene Fragen
Noch steht nicht fest, ob die neuen Weltmeisterschaften bereits 2028 erstmals ausgetragen werden. Klar ist jedoch: Die FIS hat den Weg für die wohl größte Reform ihres WM-Kalenders seit Jahrzehnten eingeschlagen. Wie diese Revolution am Ende aussieht, ist aus Sicht des DSV weiterhin offen: "Da gibt's eine durchaus berechtigte Liste an Für-und-Wider-Diskussionspunkten."
Eine einfache Antwort gebe es nicht. "Ich glaube nicht, dass es da eine Schwarz-Weiß-Lösung gibt", sagt Schwarzbach. Letztlich müsse nun ein Modell gefunden werden, das sportlich, organisatorisch und wirtschaftlich tragfähig sei.
