Bei den Olympischen Spielen werden nicht nur schöne Geschichten geschrieben. Denn es sind doch nur wenige Sportlerinnen und Sportler, die nach ihrem Wettbewerb im Glanz einer Gold- Silber- oder Bronzemedaille freudig strahlen können. Abseits der Podestplätze liegen Freud, Leid und Frust über das erzielte Ergebnis, die verpasste Chance oder das vorzeitige Aus auch im deutschen Team eng beieinander.
"Schade Marmelade" statt Edelmetall
Und so wird die Drama- und Tränenliste im Team D täglich länger: "Schade, Marmelade", sagte Johannes Rydzek nach seinem enttäuschenden Sprung von der Großschanze. Auch Topfavorit Vinzenz Geiger war am elften Wettkampftag nicht gut über den Schanzentisch gekommen. "Ein Witz", sagte der 28-Jährige. Am Ende reichte es nur für Plätze in und um die Top Ten.
Insgesamt ist die Enttäuschung deshalb nach zwei Wettbewerben ohne Medaille bei den erfolgsverwöhnten Kombinierern groß. Denn Winterspiele ohne Edelmetall gab es in dieser Disziplin zuletzt 1998 im japanischen Nagano.
Hundertstel-Drama um Nolte
Bob-Pilotin Laura Nolte verpasste am Montag Gold im letzten Lauf noch überraschend um 0,04 Sekunden und musste "der Enttäuschung" erstmal "auch einen Raum geben. Das ist auch völlig okay", so die Ausnahmepilotin, die das Drama im Eiskanal aber schnell "abhaken" wollte.
Kurz danach mussten sich auch die Eiskunstläufer Minerva-Fabienne Hase und Nikita Volodin im Paarlauf vom nach dem Kurzprogramm schon greifbaren Olympia-Thron verabschieden und sich mit dem Bronze-Rang begnügen. Trotz des geplatzten Gold-Traums überwog bei Hase die Erleichterung, "dass es gereicht hat für eine Medaille".
Abbruch-Drama kostet Raimund und Wellinger Bronze
Nur wenige Stunden zuvor hatten die Skispringer Philipp Raimund und Andreas Wellinger den für sie enttäuschenden vorzeitigen Abbruch des letzten Wettbewerbs der Skispringer durchlebt. Im dritten Durchgang war das Duo im Super-Team auf Bronzekurs unterwegs.
Statt einer Medaille um den Hals blieb am Schanzentisch viel Enttäuschung zurück. "Es war ein Scheiß-Ende", sagte Einzelgold-Gewinner Raimund nach der um 16 Zentimeter verpassten Bronzemedaille im Super-Team-Wettbewerb: "Ich bin sehr unglücklich über das Ergebnis." Auch der scheidende Bundestrainer Stefan Horngacher war nicht glücklich mit dem Ende seines letzten großen Wettkampfs: "Ende gut, nichts gut."
"Riesenenttäuschung" für Dürr
Immerhin noch nicht ganz ausgeträumt hat Lena Dürr, die nach dem Riesenslalom-Rennen das Gesicht in den Handschuhen vergrub und ihr erneutes Hundertstel-Pech bei Olympia nicht fassen konnte. Vier Jahre nach dem Slalom-Drama von Peking hatte die deutsche Skirennfahrerin auch in Cortina d'Ampezzo trotz bester Ausgangslage in ihrer zweiten Disziplin Edelmetall verpasst. Ja, diese Ergebnisse "tun weh", gab die 34-jährige Oberbayerin zu. Im Slalom könnte sich das Blatt immerhin noch wenden.
Keine weitere Chance gibt es dagegen für die alpinen Männer. Dort haderte Slalom-Spezialist Linus Straßer nicht nur mit dem Ergebnis in seiner Spezialdisziplin, sondern auch mit dem fehlenden Olympia-Flair am Austragungsort der Männerrennen in Bormio. "Es ist für'n Arsch. Sagen wir, wie es ist", das Fazit des 33-Jährigen nach dem verpassten Happy End seiner Olympia-Karriere.
Bormio erwies sich auch für die DSV-Speed- und Riesenslalom-Spezialisten um Alexander Schmid als kein gutes Pflaster. "Du fokussierst dich so lange und dann ist es so schnell vorbei, das tut extrem weh", beschrieb der 28-jährige Fabian Gratz sichtlich enttäuscht die Situation. "Vor allem dann, wenn sich das Rennen Olympia nennt."
Biathletin Preuß zerbricht am Olympia-Druck
Dem besonderen Druck der Spiele hält bislang auch Hoffnungsträgerin Franziska Preuß in Mixed-Staffel, Einzel, Sprint – und dann auch noch im Jagdrennen – nicht stand: Die 31-Jährige bekommt bei ihren letzten Winterspielen in den entscheidenden Momenten Nervenflattern.
Es sei "schon hart, dass 30 Sekunden ein echt gutes Rennen zerstören", sagte die Bayerin, die erstmals in Antholz komplett ratlos wirkte. "Aber so ist Biathlon." Für ein Happy End zum Karriereende hat sie immerhin noch zwei Chancen.
Keine Staffel-Medaille im Langlauf nach Gimmler-Drama
Tränen gab es auch bei der Langlaufstaffel. Mit weit geöffneten Armen empfingen die Teamkolleginnen die schwer geknickte Laura Gimmler und spendeten ihr nach dem geplatzten Medaillentraum in einem vogelwilden olympischen Staffelrennen ausgiebig Trost.
"Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen", sagte Katharina Hennig Dotzler nach dem undankbaren vierten Platz. Für Gimmler war es eines der bittersten Rennen ihrer Karriere: "Eigentlich war ich total bereit und hatte voll Bock", erklärte die 32-Jährige mit Tränen in den Augen.
Schmids trauriger Olympia-Abschied: "Das tut sehr, sehr weh"
Feuchte Augen waren auch bei Katharina Schmid zu sehen, die sich ihren Abschied von der ganz großen Bühne so nicht vorgestellt hatte. Nach Rang 16 auf der Normalschanze kam auf der großen Schanze schon nach dem ersten Durchgang das Aus: Der Traum von Gold blieb unerfüllt.
Zum bitteren Ende ihrer langen und ereignisreichen Olympia-Karriere sehnte sich die 29-Jährige dann schnell nach dem Trost ihrer Liebsten. "Ich bin froh, dass meine ganze Familie und meine Freunde da sind. Ich glaube, die brauche ich heute."
Enttäuschte Gesichter bei den Snowboardern
Enttäuschte Gesichter gab es zudem bei den deutschen Snowboardern. Sportdirektor Andreas Scheid zog eine ernüchternde Bilanz der Auftritte: "Das, was wir gezeigt haben, war im Großen und Ganzen nicht nach unseren Vorstellungen." Die Liste der Rückschläge ist lang: Unter anderem schied Ramona Hofmeister als Medaillenkandidatin im Parallel-Riesenslalom nach einem Einfädler frühzeitig aus.
Leon Ulbricht und Martin Nörl kollidierten im Snowboardcross miteinander. Noah Vicktor blieb im Big Air und im Slopestyle ohne Chance auf ein Finalticket. Christoph Lechner verpasste in der Halfpipe ebenfalls die Entscheidung.
Am Ende stellt sich oft die Frage: "War es das alles wert?"
Wie schwer die Last der Olympischen Spiele sein kann, erzählen Doppel-Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl und Kanutin Ricarda Funk in der Dokumentation "Die Last der Spiele - Druck. Leere. Post-Olympia-Depression?".
Dabei ist es egal, ob die sportlichen Ziele erreicht wurden oder nicht. Die emotionale Leere kann jeden treffen. Dieses Phänomen nennt sich "Post-Olympia-Depression". Man stellt sich die Frage, sagt Funk: "War es das alles wert? Ist es das alles wert, was ich da reinstecke, nur dass man im Endeffekt am Ende vielleicht diese eine Medaille gewinnt?" Oder eben an ein paar Hundertstel, an ein paar Zentimetern, an einem zitternden Arm oder der unbedachten Bewegung eines anderen Athleten, der Traum, auf den man vier Jahre oder gar sein gesamtes Sportleben hingearbeitet hat, in einem Wimpernschlag zerplatzt.
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