Die Fußball-Weltmeisterschaft hat, nach einigen fragwürdigen Schiedsrichter-Entscheidungen, ihren ersten großen Skandal: Nach einem Telefonat von US-Präsident Donald Trump mit FIFA-Chef Gianni Infantino kassierte der Weltverband die Ein-Spiel-Sperre für US-Stürmer Folarin Balogun, der Rot gesehen hatte. Die USA schieden dennoch gegen Belgien aus, die Aufregung aber bleibt.
"Wenn wir jetzt damit anfangen, dass die Regeln einfach geändert werden können, dann wird es schwierig", sagt der frühere deutsche Kapitän Philipp Lahm auf BR24-Anfrage. Der als neuer Bundestrainer favorisierte Jürgen Klopp betont: "Wenn das wirklich Trump und Infantino miteinander ausgemacht haben, das ist verrückt. Das stellt alles infrage." Kritik kommt auch vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) – und vom europäischen Verband UEFA, der eine "rote Linie" überschritten sieht. Aber selbst wenn sie wollten: Können die Europäer Infantino an der Spitze gefährlich werden?
Die nächste FIFA-Wahl im März 2027
Der auf den ersten Blick naheliegendste Weg wäre die nächste Wahl der FIFA-Spitze. Stattfinden soll sie am 18. März 2027 in Marokko. Bisher gibt es keine Gegenkandidatur für Infantino, der weitermachen will. Im Frühjahr kündigten die Konföderationen aus Südamerika, Afrika und Asien schon an, für Infantino zu stimmen. Ohne Allianzen mit anderen Verbänden hat Europa bei der Wahl also keine Chance. Weil: Jedes Mitgliedsland hat eine Stimme, ungeachtet der Größe.
Viele oder alle Europäer könnten sich auf jemanden einigen, den sie bei der Wahl geschlossen unterstützen. Dann begänne hinter den Kulissen ein Werben um Stimmen von nicht-europäischen Verbänden. Wie groß die Erfolgschancen wären, hinge von der auserkorenen Person ab. Infantinos Trumpf: Finanziell profitieren besonders kleinere Verbände von den steigenden Einnahmen der FIFA. Und durch die Ausweitung des Turniers auf 48 Länder sind mehr Teams denn je bei einer WM dabei.
Europas Terminkalender und öffentlicher Druck
Ein weiterer Hebel der UEFA ist ihr eigener Terminkalender. Der europäische Fußball-Verband könnte eigene Termine so legen, dass es FIFA-Wettbewerbe wie die umstrittene Klub-Weltmeisterschaft oder Spiele der WM-Qualifikation schwächt. Allerdings haben sowohl National- als auch Clubmannschaften auch an Wettbewerben der FIFA ein eigenes Interesse – und zwar sportlich wie wirtschaftlich.
Dauerhafter Druck könnte die FIFA ebenfalls verändern. Die UEFA kann öffentlich sowie bei Sponsoren und TV-Partnern auf mehr Transparenz und Governance-Reformen drängen. Denn: Politischer Einfluss ist laut den Statuten des Weltverbands klar nicht erlaubt. Allerdings hat sich diese Hoffnung (Veränderungen durch Druck) in der Vergangenheit nicht bewahrheitet.
Jenseits der UEFA – die Justiz und die FIFA
Und die Justiz? Sie ermittelt immer wieder – ohne dass Infantino ernsthaft ins Wanken gerät. Ein Ermittlungsverfahren in der Schweiz wegen möglicher unzulässiger Absprachen mit dem damaligen Bundesanwalt wurde 2023 eingestellt. In Frankreich gibt es aktuell mehrere Verfahren. Darin geht es um Vorwürfe des früheren UEFA-Chefs Michel Platini, Infantino habe ihn mit einer Verschwörung 2015 von der FIFA-Präsidentschaft ferngehalten. Auch umstrittene WM-Vergaben beschäftigen immer wieder die Justiz – bisher aber ohne klare Schuldsprüche.
Ärger der Europäer über die FIFA ist nicht neu
Dass sich die UEFA über Infantino (einst ihr Generalsekretär) ärgert, ist nicht neu. Die Liste der Anlässe ist lang: die ausgeweitete (Stand jetzt aber nur alle vier Jahre stattfindende) Klub-WM, die Ticketpreise für die aktuelle WM, der groteske "Friedenspreis" für Trump, Pläne für eine WM alle zwei Jahre. Bisher bleibt es aber in der Regel bei Spitzen oder Unmutsbekundungen, aus denen wenig folgt. Und bei symbolischen Aktionen – wie der Entscheidung, den an der Einreise in die USA für die WM gehinderten FIFA-Schiedsrichter Omar Artan aus Somalia den UEFA-Super-Cup pfeifen zu lassen.
- Mehr bei sportschau.de: UEFA und FIFA – der lange Streit
Ob Infantino die aktuelle Aufregung aussitzt oder die Europäer – getrieben etwa vom Infantino-kritischen norwegischen Verband (externer Link) – sich dauerhaft gegen ihn positionieren? Beides scheint aktuell möglich. DFB-Präsident Bernd Neuendorf sagt am Dienstag: "Ich bin mir mit der UEFA einig, dass dieser Vorgang nicht zu den Akten gelegt werden darf, zunächst aber unter den europäischen Fußballverbänden weiter besprochen werden muss."
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