Als bei den Olympischen Winterspielen in Italien erstmals das Skibergsteigen auf dem Programm stand, sahen viele Zuschauer zum ersten Mal eine spektakuläre – vielleicht auch skurrile – Disziplin: Athletinnen und Athleten laufen mit Fellen unter den Skiern steile Hänge hinauf, schultern ihre Ski auf kurzen Passagen und rasen anschließend ins Ziel. Ein schneller, intensiver Wettkampf, meist nur wenige Minuten lang – und nicht unumstritten.
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Die dreiteilige Dokumentation "Tödlicher Himalaya" erzählt eine Geschichte über Freundschaft, Ehrgeiz, über Euphorie und Ernüchterung und die Suche nach Geschwindigkeit – in einer Welt, in der am Ende immer der Berg das letzte Wort hat. Alle Teile finden Sie ab sofort hier in der ARD Mediathek.
Geschwindigkeit als Prinzip
Doch die Kombination aus Geschwindigkeit und Skibergsteigen hat Tradition – wenn auch auf eine völlig andere Art als bei Olympia. Statt kurzer Rennen auf plattgebügelten Pisten hatten sich Benedikt Böhm und Sebastian Haag aus München die höchsten Gipfel der Welt im Highspeed vorgenommen: 2005 konnten sie ihre Erfahrung aus dem Skitourenrennlauf auf Expeditionen übertragen und meisterten den 7.509 Meter hohen Mustagh Ata in China mit einem Aufstieg von 3.100 Höhenmetern in 10 Stunden und 41 Minuten – inklusive Abfahrt auf Skiern. Vorherige Teams brauchten dafür mehrere Tage! "Wir hatten dasselbe Verständnis, an die Grenzen zu gehen und uns auszutesten", sagt Böhm heute.
Anders als die Bergsteigerlegenden Reinhold Messner und Hans Kammerlander zu ihrer Zeit, machten Böhm und Haag Geschwindigkeit zum Prinzip. Ihre Idee: klassische Expeditionen radikal verkürzen, Aufstieg und Abfahrt möglichst in einem Zug, das Material "ultralight", die Ausrüstung auf das Minimum reduziert. Jeder einen Rucksack, 15 Power Gels und 2 Liter Wasser – mehr nicht. "Das ist natürlich ein großes Risiko, denn wenn das Wetter umschlägt, kann man sich nicht auf irgendwelche Lager verlassen, die man ganz schnell wieder aufsuchen kann", so Sebastian Haag. "Dafür löst man sich aber von dieser Trägheit und kann den Gipfel an einem Tag erreichen."
Freundschaft als Seilschaft
Der Speed-Gedanke wurde zum Markenzeichen des Duos. Ihre Stärke lag nicht nur im Tempo, die beiden Freunde ergänzten sich scheinbar perfekt: Benedikt – antreibender Motor, ehrgeizig, zielstrebig. Sebastian – analytisch, ruhig, mit feinem Gespür für Gelände und Bedingungen. Doch Geschwindigkeit hat in dieser Höhe eine Kehrseite: Lawinen, Wetterumschwünge oder Erschöpfung können innerhalb weniger Minuten über Leben und Tod entscheiden.
Wie real diese Gefahr ist, erleben die beiden hautnah: Sebastian Haag verliert im Jahr 2006 seinen Bruder in den Bergen, eine Lawine begräbt ein Camp unter sich, die Freunde graben nach den Verschütteten – elf Menschen sterben.
Niemand ist unverwundbar
Doch die beiden suchen nach einer neuen Herausforderung und nehmen im Jahr 2014 die "Double 8"-Expedition in Angriff. Geplant ist, die Achttausender Shishapangma und Cho Oyu im Speed-Stil zu besteigen und die Strecke zwischen den Bergen per Mountainbike zurückzulegen. Ein Projekt mit fließendem Übergang zu einer Marketing-Kampagne – Böhm ist damals Chef des bekannten Skitouren-Ausrüsters Dynafit. Dazu begleitet "Der Spiegel" die Expedition mit einem Live-Tracker und ständiger Berichterstattung.
Am 24. September 2014 löst sich kurz vor dem Gipfel des Shishapangma in Tibet eine Lawine – drei Bergsteiger werden von den Schneemassen erfasst, unter ihnen Sebastian Haag. Der damals 36-Jährige und sein Teamkollege Andrea Zambaldi kommen ums Leben. Martin Maier, der dritte Bergsteiger in der Lawine, überlebt.
Das Unglück hat im Nachgang für große Diskussionen innerhalb der Alpinszene gesorgt. Maier erhob schwere Vorwürfe gegen Böhm, der mit dem mittlerweile verstorbenen Spitzenbergsteiger Ueli Steck nicht von der Lawine erfasst wurde. Benedikt Böhm verstrickte sich in Widersprüche über den Hergang des Unglücks. Maier warf ihm falsche Aussagen vor und dass die beiden zu früh eine Rettung der Verunglückten als unmöglich bezeichnet hätten, keine weiteren Versuche unternommen wurden. Maier rettete sich selbst. Der Vorfall am Shishapangma ist bis heute ungeklärt.
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Rückkehr
2025 kehrt Benedikt Böhm an den Berg zurück, an dem er mit Sebastian Haag seinen ersten Weltrekord im Speed-Bergsteigen aufstellte. Diesmal geht es nicht um Bestzeiten. Die Rückkehr konfrontiert ihn mit Verlust, Erinnerungen und öffentlicher Kritik nach dem Unglück. Kann er mit der Vergangenheit Frieden schließen?
So wurde das Thema in Bergauf-Bergab 2016 behandelt:
Drama an der Shisha Pangma
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