Knapp zwei Monate ist der zweite Gesamtrang von Antonia Niedermaier beim Giro d'Italia 2026 her, zur Ruhe kommt die 23-Jährige aus Bruckmühl bei Rosenheim aber nicht – aus erfreulichen Gründen. Am Samstag startet in Lausanne die Tour de France Femmes, erstmals in ihrer noch jungen Karriere nimmt Niedermaier an der Rundfahrt durch Frankreich teil.
Der bayerische Shootingstar von Team Canyon//SRAM fühlt sich gewappnet. Am mythischen Mont Ventoux soll ihr Pokerface einmal mehr zum Trumpf werden.
Erste Tour de France Femmes für Antonia Niedermaier
"Der Start bei der Tour de France bedeutet mir sehr viel", erklärte Niedermaier im Interview mit BR24Sport: "Gerade nach der Leistung beim Giro weiß ich, dass die Form stimmt."
Die Chance auf eine Teilnahme am einwöchigen Etappenrennen durch die Grande Nation hätte sich schon früher ergeben, "aber irgendwie habe ich mich nie richtig bereit gefühlt. Jetzt ist das erste Jahr, in dem ich sage: Ich bin so weit – gut vorbereitet und mental stark genug, um mit dem Druck umzugehen", unterstrich sie.
Extremprofil: 18.000 Höhenmeter bis nach Nizza
Das Profil der diesjährigen Tour de France Femmes hat es in sich: Zwischen Lausanne und Nizza führen neun Etappen über insgesamt 1.175 Kilometer und 18.000 Höhenmeter, dazu kommen Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke. Den Höhepunkt stellt die 7. Etappe mit Zielankunft am sagenumwobenen Mont Ventoux dar, der in der Geschichte des Radsports einen besonderen Platz einnimmt.
Niedermaier über Mont Ventoux: "Da kann alles passieren"
"Es ist einfach ein besonderer Berg. Da kann alles passieren", blickt Niedermaier auf die Herausforderung der "Hors catégorie“ – der schwierigsten Klasse unter den Bergwertungen – voraus. "Den Berg bin ich noch nie hochgefahren, das wird mein erstes Mal sein. Ich kenne ihn eigentlich nur von unserem Analyse-Tool, dafür aber in- und auswendig. Vor Ort wird das aber noch einmal etwas ganz anderes sein."
Niedermaier sieht jeden Tag als neue Chance
Als Kletterin hat sich Niedermaier vor allem als Zweitplatzierte der Giro-Bergwertung einen Namen gemacht, am Mont Ventoux darf sie sich zu den Anwärterinnen auf den Tagessieg zählen.
Doch auch das Einzelzeitfahren auf der 4. Etappe kommt den Stärken der zweimaligen U23-Weltmeisterin entgegen. "Man muss jeden Tag als Chance sehen – und sie am Ende auch nutzen können", meinte die ehemalige Ski-Bergsteigerin.
Vom Giro-Podium zur Helferinnenrolle bei Canyon//SRAM
Teamintern kommt ihr bei Canyon//SRAM aber zunächst die Rolle der Helferin zu. Mit Katarzyna "Kasia" Niewiadoma hat Niedermaier die Tour-Siegerin von 2024 als Mannschaftskameradin. "Da es meine erste Tour de France ist, habe ich eine etwas freiere Rolle – zum Reinschnuppern und Testen sozusagen", ordnete sie ihre Aufgabe ein. "Auch werde ich meine Teamkollegin Kasia unterstützen. Sie wird den größeren Druck verspüren als ich."
Angriff auf Gelbes Trikot: Team setzt auf Doppelspitze
Ein Angriff auf das Gelbe Trikot oder das Podest seitens der Giro-Zweiten ist jedoch nicht ausgeschlossen: "Es ist immer besser, wenn man zwei Fahrerinnen in den Top 10 hat, so bieten sich einem immer mehr Möglichkeiten. Man kann mehr Karten spielen, eine andere Taktik ausprobieren. Daher ist es mit Sicherheit auch ein Ziel von der Mannschaft, immer ein Backup für Kasia in der Hinterhand zu haben."
Pokerface als mentaler Trumpf am Berg?
Spätestens seit dem Giro ist einer der mentalen Trümpfe von Niedermaier weithin bekannt – ihr Pokerface. Selbst bei den schwierigsten Anstiegen lässt sich die 23-Jährige nicht anmerken, wie sie sich fühlt. Für die Konkurrenz, die sich am Limit befindet, durchaus ein zermürbendes Gefühl.
"Ich mache das eigentlich gar nicht mit Absicht. Das ist einfach mein normales Gesicht, wenn ich wirklich tief gehe", lachte Niedermaier: "Aber klar: Es ist wahrscheinlich von Vorteil, wenn deine Gegnerinnen dir ins Gesicht schauen und nicht daraus ablesen können, ob du All-In gehst oder ganz entspannt unterwegs bist."
Ballett formte Niedermaiers Renn-Gesicht
Der Grund dafür liegt übrigens in ihrer Kindheit. "Tatsächlich habe ich zehn Jahre Ballett getanzt und meine Lehrerin meinte immer: 'Wir dürfen uns nie anmerken lassen, wenn etwas anstrengend ist oder wehtut.' Es kann gut sein, dass davon etwas hängen geblieben ist", so Niedermaier.
Diesen Vorteil will sie nun bei der Tour de France ausspielen – bestenfalls im berühmtesten Akt. "Ich hoffe, dass ich das am Mont Ventoux auch so machen kann", wagte Niedermaier zu träumen.
Video: Top-Konkurrenz bei der Tour de France Femmes
Antonia Niedermaier beim Giro d'Italia
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