Karl Geiger
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Karl Geiger steckt in der Krise
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Karl Geiger steckt in der Krise

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Geiger und Wellinger in der Krise: Anzugskandal als Verhängnis

Geiger und Wellinger in der Krise: Anzugskandal als Verhängnis

Lange Zeit gehörten Karl Geiger und Andreas Wellinger zur absoluten Weltspitze im Skispringen. In diesem Winter laufen sie den Erwartungen hinterher. Das Perfide daran: Die Ursache der Probleme liegt auch im Anzugskandal der Norweger begründet.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

Der Frust stand Karl Geiger ins Gesicht geschrieben. "Das ist leider wirklich ein Satz mit X. Das ist ziemlich bitter", ärgerte sich der Allgäuer ins ARD-Mikrofon, nachdem er in der Qualifikation für das Auftaktspringen der Vierschanzentournee nur auf 106,5 Meter gekommen war.

Geiger erstmals seit 2013 nicht in Oberstdorf dabei

Der Wettkampf in Oberstdorf fand damit erstmals seit 2013 wieder ohne den zweifachen Vater statt. Ein weiterer Tiefschlag in einer bislang völlig gebrauchten Saison für den 32-Jährigen, der in seiner Karriere stolze 15 Weltcup-Springen gewinnen konnte.

Der einzige, kleine Trost für Geiger: Er ist nicht der einzige deutsche Routinier, der in diesem Winter den Erwartungen hinterherspringt. Auch Andreas Wellinger kommt bislang noch nicht in Fahrt. Zwar konnte sich der Oberbayer in Oberstdorf wenigstens für das Springen qualifizieren, aber 110,5 Meter in Durchgang eins reichten nicht für das Finale. Am Ende stand Rang 48 zu Buche.

Wellinger: "Ich kriege es nicht hin"

Auch für den 30-Jährigen war der Tournee-Auftakt nur die Fortsetzung einer bislang völlig gebrauchten Saison, in der er schon zweimal nicht die Wettkampfnorm schaffte (Lillehammer, Klingenthal).

Seine Probleme hatte er bereits am Rande seines 40. Platzes beim Weltcup in Klingenthal Mitte Dezember klar angesprochen: "Ich kriege es nicht hin, dass ich wirklich Konstanz reinbringe, dass ich oben von der Kante Energie mitnehme, dass ich den Sprung übersetze. Das ist so eine abgehackte Bewegung."

Die Misere der beiden langjährigen Spitzenspringer kommt äußerst ungelegen; stehen doch im Februar die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo auf dem Programm.

Wie der Anzugskandal die DSV-Adler aus der Bahn wirft

Die Ursache für die Krise liegt dabei rund zehn Monate zurück. Stichwort: Anzugskandal. Oder besser gesagt, die Folgen des Anzugskandals. Zur Erinnerung: Bei der Nordischen Ski-WM Anfang März dieses Jahres waren Betreuer des norwegischen Skisprung-Teams bei der Manipulation von Sprunganzügen ihrer Mannschaft gefilmt worden.

Die Veröffentlichung der Videos sorgte für einen Aufschrei, zog unter anderem Sperren für die Top-Stars Marius Lindvik und Johann André Forfang nach sich und animierte den Weltverband FIS zu einer Verschärfung des bestehenden Reglements.

Hannawald: "Das funktioniert so nicht mehr"

Seit diesem Winter müssen die Anzüge noch enger geschnitten sein, sodass die Athleten weniger Tragfläche haben. Eine Neuerung mit großen Auswirkungen auf das Flugsystem, wie der ARD-Skisprung-Experte Sven Hannawald erklärt.

"Dadurch, dass die Fläche weg ist, müssen sie (Geiger und Wellinger, Anm. d. Red.) alles andere, was sie bisher so gewohnt waren, mit breiten Füßen und den Anzug spannen, umstellen. Das funktioniert so nicht mehr. Wenn sie es jetzt machen würden mit dem engeren Anzug, würden sie merken, dass sie gefühlt durch die Ski durchfallen und stürzen", sagte der 51-Jährige.

Hannawald: Keine Löschtaste "wie an einem Computer"

Die Umstellung für erfahrene Springer wie das Duo des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) ist zudem schwieriger als für junge Athleten wie etwa den aktuell gut aufgelegten Philipp Raimund.

"Den (Sprung) kannst du jetzt nicht einfach nur löschen wie an einem Computer, wo du deine neue Software drauf brennst", befand Hannawald gegenüber dem BR und führte weiter aus: "Und das ist jetzt so ein bisschen das Thema bei Geiger und Wellinger, dass sie diesen erfolgreichen Sprung schon drin haben, wie er funktioniert hat. Der geht aber nicht mehr, weil die Fläche weniger ist."

Größe für Freund ein Problem

Ähnlich sieht es der frühere Gesamtweltcup-Sieger Severin Freund im Gespräch mit "web.de". Springer wie Raimund seien besser in der Lage, "auf Materialänderungen schneller zu reagieren". Der Grund: "Sie haben weniger im Hinterkopf, was als gut eingespeichert ist."

Neben der eingeschliffenen Routine sieht er Geiger (1,85 m) und Wellinger (1,84 m) aber auch durch deren Körpergröße und das daraus resultierende Mehr an Gewicht im Nachteil. "Der optimale Skispringer ist keine 1,85 Meter groß, sondern um die 1,70 Meter", stellte Freund fest: "Ein größerer Athlet spürt schneller, wenn Fläche am Anzug weggenommen wird."

Geiger gesteht: "Es fällt schwer"

Um die Probleme in den Griff zu bekommen, legten sowohl Geiger als auch Wellinger vor der Tournee eine Wettkampfpause ein. Geiger ließ die Weltcups in Klingenthal und Engelberg aus, Wellinger fehlte ebenfalls in Engelberg. Eine schnelle Lösung scheint dessen ungeachtet weder bei Geiger noch bei Wellinger in Sicht. Geiger flüchtete sich nach der Quali-Enttäuschung am Sonntag in Zweckoptimismus.

"Ich glaube, die Sachen, die wir jetzt rausgefunden haben, in welche Richtung es gehen muss, wie die Hocke sein, wie der Abdruck sein muss, damit sich der Ski wieder aufbauen kann, damit der Körper leicht wird, die muss ich beibehalten", meinte der Skiflug-Weltmeister von 2020. Trotzdem konnte auch er nicht verstecken, wie sehr das Tief an ihm nagt, und gab zu: "Es fällt schwer in so einem Moment wie jetzt."