Deutschland und viele andere Länder haben eine nationale Ölreserve. Die Vorräte sind eigentlich für den absoluten Notfall gedacht. Aber nun haben die G7-Staaten USA, Kanada, Japan, Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien am Montag diskutiert, diese Ölreserve anzuzapfen. Konkret geht es um 300 bis 400 Millionen Barrel Rohöl. Die Idee dahinter: Wäre mehr Öl auf dem Markt, könnten die Preise zumindest kurzfristig gedämpft werden. Aber was genau sind diese Reserven? Und was hieße deren Einsatz für die Verbraucher?
Warum braucht es nationale Ölreserven?
Die Reserven sind – vereinfacht ausgedrückt – Vorräte für den Notfall. Eingeführt wurden sie 1973 während der Ölkrise. Die OPEC-Staaten drosselten damals ihre Produktion. So nutzten sie ihre Marktmacht, um in den westlichen Industrieländern die Preise für Sprit und Heizöl in die Höhe zu treiben.
Weil es bis 1974 keine Reserven gab, haben insgesamt 16 Industriestaaten die IEA gegründet, die Internationale Energieagentur. Ziel und Zweck ist es, für eine zuverlässige Ölversorgung zu sorgen, sagt Karen Pittel, die Leiterin des ifo Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen. Die IEA koordiniert die Freigaben.
Was genau wird wo eingelagert?
In den Speichern wird Rohöl eingelagert. Diese Lagerstätten befinden sich in Deutschland vor allem im Norden der Republik. Die Vorräte an Benzin, Diesel, Heizöl und Kerosin sind dagegen über das ganze Land verteilt. Die Vorräte müssen für 90 Tage reichen.
Die größten Reserven haben die Vereinigten Staaten mit rund 415 Millionen Barrel Rohöl (Stand: März 2026). Die deutschen Vorräte umfassen rund 178 Millionen Barrel. Insgesamt verfügen die Länder der IEA über 1,2 Milliarden Barrel.
Wie oft wurden die Reserven schon angezapft?
Die Freigabe wird selten eingesetzt. In Deutschland wurden bisher viermal strategische Ölreserven freigegeben. Während des Golfkriegs 1991, nach den Wirbelstürmen Katrina und Rita 2005, während des Krieges in Libyen 2011 und zweimal nach dem russischen Angriff auf die Ukraine vor vier Jahren.
Grafik: So haben sich die Rohölpreise entwickelt
Ist eine Freigabe auch jetzt sinnvoll?
Die USA schlagen zur Lösung der aktuellen Krise vor, dass die IEA-Länder gemeinsam 300 bis 400 Millionen Barrel aus ihren nationalen Ölreserven freigeben. Ziel ist es, den Rohölpreis und damit letztlich die Preise an den Tankstellen zu drücken.
Das klingt nach sehr viel, aber die tägliche Erdölförderung liegt schon bei über 100 Millionen Barrel. Durch die Straße von Hormus, die derzeit gesperrt ist, wird ein Fünftel der Förderung transportiert. Die gemeinsame Freigabe der IEA würde das Problem also nicht dauerhaft lösen.
Erst recht nicht, wenn der Krieg noch lange dauert, mahnt Karen Pittel vom Münchner ifo-Institut. Die IEA könnte eines Tages gezwungen werden, die Vorräte zu deutlich höheren Preisen wieder aufzufüllen.
Auch das Bundeswirtschaftsministerium sieht noch keinen Anlass zur Freigabe. Derzeit liege keine Mangellage vor, da die Pipelines aus Norwegen und Kasachstan ohne Einschränkung Öl liefern, heißt es in einem Statement, das dem BR vorliegt. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) sagte am Montagnachmittag, es sei "jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt."
Kann die Regierung die Benzinpreise nicht einfach deckeln?
Ungarn beispielsweise deckelt seine Benzinpreise noch diese Woche. Allerdings werde das Land dafür auf seine Ölreserven zurückgreifen müssen. In Deutschland steht so eine Deckelung aktuell nicht zur Diskussion, weil die Erfahrung während des Kriegsbeginns in der Ukraine gezeigt hat, dass die Steuernachlässe nicht bei den Verbrauchern ankommen, sondern in die Taschen der Ölkonzerne gehen.
Was heißt das jetzt für die Verbraucher?
Derzeit kann niemand seriös vorhersagen, ob staatliche Eingriffe den Verbrauchern tatsächlich etwas bringen. Die entscheidenden Fragen sind: Wie lange dauert der Krieg noch? Und wie stark steigt der Rohölpreis in den nächsten Tagen oder Wochen noch an? Am schnellsten würden sich die Märkte bei einem Waffenstillstand oder einem Ende des Krieges beruhigen. Doch eine friedliche Lösung zeichnet sich derzeit nicht ab.
Finanzminister Klingbeil warf am Montag den Mineralölkonzernen in Deutschland Preistreiberei vor. "Ich halte das für unanständig", sagte er nach dem G7-Treffen. Hier dürfe die Politik nicht zuschauen. Es brauche deutlich mehr Transparenz, um Verbraucher zu schützen. Auch schärfere Regeln zur Preisgestaltung seien denkbar.
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