Öl- und Gaspreise haben die Menschen in Bayern bereits erreicht und damit die Inflation und die öffentliche Debatte angefacht. Ob die EZB deshalb in den nächsten Monaten die Zinsen erhöht, hängt von der Dauer des Irankriegs ab. Insgesamt dürfte sich die wirtschaftliche Situation in der nächsten Zeit schlechter entwickeln als zu Beginn des Jahres erwartet.
Besser kühlen Kopf bewahren als blinden Aktionismus verbreiten
Allerdings: Noch sei beim Thema Inflation nicht viel passiert, meint Jürgen Michels, Chefvolkswirt der BayernLB. Für die nächsten ein, zwei Monate werde es jedoch auf jeden Fall einen Anstieg geben. Michels begrüßt es deshalb, dass die Europäische Zentralbank nicht sofort die Zinsen erhöht hat und erst einmal abwartet, wie sich die Lage entwickelt: Es bestehe durchaus eine Chance, dass der Krieg in den nächsten Wochen zum Ende komme. Dann werde beim Thema Inflation relativ schnell wieder ein "normales Fahrwasser" erreicht.
Die drei Szenarien der EZB: von leichten Veränderungen bis Wirtschaftskrise
Die Europäische Zentralbank verfolgt traditionell eine Geldpolitik der "ruhigen Hand". Nach Ausbruch des neuen Nahostkriegs hat sie zunächst ein Basisszenario entwickelt, eine Prognose, nach der sich nicht viel ändert:
Die Energiepreise würden demzufolge bald wieder sinken. Aber die Gesamtinflation im Euroraum würde selbst dann um einen halben Punkt steigen, auf 2,6 Prozent. Und, was vielleicht noch wichtiger ist: Das Wirtschaftswachstum würde 2026 im Euroraum um 0,9 Prozent niedriger ausfallen als vor dem Krieg vorausgesagt.
Wann muss die EZB handeln und die Leitzinsen erhöhen?
Im ungünstigen, dem "Adverse Scenario" würden der Ölpreis auf bis zu 119 Dollar pro Barrel, der Gaspreis auf 87 Euro pro Megawattstunde (MWh) und die Inflation auf 3,5 Prozent steigen.
Im Extremfall ("Severe Scenario") würden der EZB zufolge der Ölpreis im Frühjahr auf 145 Dollar pro Barrel und der Gaspreis auf 106 Euro pro MWh steigen – mit noch höherer Inflation und einem "gleichzeitig massiv geschwächten Wirtschaftswachstum".
In den beiden letztgenannten Szenarien wären Zinserhöhungen zur Eindämmung der Inflation unausweichlich, selbst wenn darunter das Wirtschaftswachstum zusätzlich leiden würde.
Was ist für die Verbraucherpreise in Deutschland zu erwarten?
An den Tankstellen ist der höhere Ölpreis sofort angekommen. Bei Lebensmitteln wird das noch etwas dauern. Dabei wird dann der Gaspreis eine zentrale Rolle spielen. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat dazu eine Studie vorgelegt.
Höherer Gaspreis wird Lebensmittel stark verteuern
Beim Gas wird es dem IMK zufolge noch einige Monate dauern, bis die Großhandelspreise vollständig bei den Haushalten ankommen. Die Inflationsrate in Deutschland wird den Konjunkturforschern zufolge schon im Frühjahr bei 2,5 Prozent liegen und im Sommer womöglich weiter steigen.
Lebensmittel werden auch diesmal besonders betroffen sein, weil bei ihrer gesamten Herstellung, der Verarbeitung und beim Transport Öl und Gas wichtig sind.
Gaslieferungen entscheidend für Ernährungssicherheit
So wird bereits der Dünger sehr energieintensiv aus Erdgas gewonnen. Die Ernte wird mit weniger Dünger schlechter ausfallen oder sie wird wesentlich teurer. Dazu verbraucht die Landwirtschaft auch große Mengen Diesel. Die Lebensmittelindustrie benötigt anschließend große Mengen von Gas für die Prozesswärme und Strom zum Kühlen.
Überall steigen die Fixkosten: egal ob beim Backen, Pasteurisieren, Trocknen oder beim Transport, bis hin zu den Verpackungen. So wird die Inflation bald überall zu spüren sein. Auch wer kein Auto fährt, wird es spätestens im Supermarkt merken, wenn besonders energieintensive Milchprodukte oder die Tiefkühlpizza wesentlich mehr kosten.
Wie sieht es mit der übrigen Wirtschaft in Deutschland aus?
Ähnlich wie in der Lebensmittelindustrie verteuern sich auch in anderen Branchen die Lieferketten. Für das gesamte produzierende Gewerbe wird es damit schwieriger. Das kann am Ende auch Arbeitsplätze bedrohen.
Die indirekte Folge ist die mögliche Zinserhöhung, mit der Kredite wie Baugeld sich verteuern. Einzig die Sparer könnten davon profitieren, bei Tagesgeld und Festgeld. Sie müssten aber auch damit leben, dass Aktienkurse bei höheren Zinsen und weniger Wachstum meist nachgeben.
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