Ein Sommertag in Oberbayern. In einem Industriegebiet in Aschau am Inn spielt eine Blaskapelle den Bayerischen Defiliermarsch, während die Spitze der Staatsregierung in ein großes Zelt schreitet, vorbei an Panzern, Drohnen und Flugabwehrsystemen. Armin Papperger, der Chef des Rüstungskonzerns Rheinmetall, legt an diesem Vormittag mit seinen Gästen aus der Politik den Grundstein für eine Fabrik. Sie soll in einigen Jahren Pulver für Artilleriemunition liefern.
Es ist nur ein Beispiel für den Bauboom, den die Rüstungsindustrie derzeit erlebt: Egal ob beim Panzerbauer KNDS in München, beim Raketenspezialisten MBDA in Schrobenhausen oder bei Rheinmetall in Aschau am Inn – zahlreiche Rüstungsfirmen erweitern derzeit ihre Werke oder bauen neue Standorte auf.
Auch junge Firmen streben in den Großraum München: In Aubing siedelt sich der Drohnenhersteller Tytan Technologies an, im Münchner Norden plant Arx Robotics, ein Hersteller für unbemannte Bodenfahrzeuge, sein neues Werk. Und das KI-Tech-Unternehmen Helsing will mit einer neuen Produktionsstätte und einem Forschungszentrum nach Hallbergmoos. Die Beispiele veranschaulichen, was das bayerische Wirtschaftsministerium beschreibt: In Oberbayern liegt der räumliche Fokus der bayerischen Verteidigungsindustrie.
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Kritiker: "Machen unseren Wohnort nicht sicherer"
Größere Demonstrationen oder Proteste gegen solche Vorhaben waren bislang nur in Hallbergmoos zu beobachten, wo die Gegner des geplanten Helsing-Werks in einem Bürgerentscheid Anfang Juli aber unterlagen. Anfang September trafen sich Rüstungskritiker am Münchner Stachus zum sogenannten Antikriegstag.
Mit dabei war Maria Feckl von der "Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen". Sie wohnt in der Nähe des Erdinger Fliegerhorsts, wo die bayerische Staatsregierung ein "Defense Lab" aufbauen will, einen Ort für Start-ups und technologische Entwicklung. Das verschärfe bereits bestehende Probleme der Kommune, findet Eckl, etwa den Mangel an bezahlbaren Wohnungen und das teils überlastete Straßennetz. Hinzu komme das Sicherheitsrisiko: "Diese Ansiedelungen machen unseren Wohnort nicht sicherer." Ähnliches war auch von anderen Demonstrierenden zu hören. "Wenn Putin mal zum Vergeltungs- oder Präventivschlag ausholt, habe ich schon Angst, dass wir auf dem Teller präsentiert werden", sagt eine Demonstrantin.
Ein weiteres Argument der Rüstungsgegner: "Man wird damit keine nachhaltige Wirtschaft schaffen", betont Feckl. Denn ökonomisch, ökologisch, sozial – und vor allem: langfristig etwas zu schaffen, das tue die Rüstungsindustrie auf keinen Fall.
Arbeitsplätze versus Sicherheit: So reagiert die Staatsregierung
In der Rüstungsbranche und auch in der bayerischen Staatsregierung sieht man das anders. Die Verteidigungsindustrie sei auf Jahre ein Wirtschaftsmotor, heißt es dort unisono. Rund 9,5 Milliarden Euro Umsatz generierte die Rüstungsindustrie vergangenes Jahr in Bayern – allerdings unterstützt von enormen Sondervermögen. Der Blick auf den Großraum München zeigt, was das für den Arbeitsmarkt bedeutet: Durch die KNDS-Werkserweiterung in München-Allach entstünden rund 1.000 neue Arbeitsplätze. Helsing verspricht, in Hallbergmoos mehr als 300 neue Jobs zu schaffen, Tytan Technologies in Aubing 300 bis 600, und das neue Werk von Arx Robotics im Münchner Norden hätte Kapazität für bis zu 600 Mitarbeiter.
Die Industrie sieht die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Aber es gebe eben auch Ängste, sagte Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) dem BR. Man müsse deshalb Überzeugungsarbeit leisten. Schließlich gehe es darum, die Bundeswehr wieder verteidigungsbereit zu machen.
Anschlagsversuche auf Rüstungsfirmen, Bedrohungen aus Moskau
Zuletzt sorgte allerdings die Zunahme sogenannter hybrider Angriffe für Unruhe. Die neue Bedrohungslage wird mittlerweile sogar offen von Moskau kommuniziert. Dmitri Medwedew, Vizechef des russischen nationalen Sicherheitsrates, schrieb kürzlich auf Telegram: "Sie verdienen einen direkten Schlag gegen alle deutschen Produktionsstätten für Militärtechnik."
Nach den jüngsten Anschlagsversuchen gegen Verteidigungsfirmen in München und einen bayerischen Rüstungsunternehmer ist klar, dass die Branche ein potentielles Angriffsziel ist. Das räumen Manager wie Rheinmetall-Chef Armin Papperger gegenüber dem BR auch ein. Auf der anderen Seite gelte: "Wenn heute Krieg wäre, dann ist alles ein Ziel. Das sieht man ja in der Ukraine." Man könne die Ängste nicht zu 100 Prozent entkräften, "aber auf der anderen Seite müssen wir das auch aushalten können als Bundesbürger", sagt Papperger.
Für Papperger persönlich ist das Risiko ebenfalls gestiegen. Als Unterstützer der Ukraine gilt er als Anschlagsziel und wird Tag und Nacht von einem massiven Aufgebot an Personenschützern begleitet.
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