Der Streit bei Volkswagen über Stellenabbau und niedrigere Arbeitskosten erreicht eine neue Eskalationsstufe: Der kriselnde Autobauer will das Tarifniveau absenken und kündigt deshalb mehrere Haustarifverträge mit der IG Metall zum 31. Dezember, wie das Unternehmen mitteilte. Das wirtschaftliche Umfeld habe sich für die Branche wie für VW in den vergangenen 18 Monaten gravierend verschärft, sagte Personalvorstand Arne Meiswinkel.
Der IG Metall zufolge sollen zehn Verträge neu verhandelt werden, einschließlich des Manteltarifvertrages, der etwa Arbeitszeit und Schutzrechte regelt - mithin die allermeisten Verträge. Nicht betroffen ist die bis 2031 gültige Beschäftigungssicherung.
Gewerkschaft sieht "übles Foul"
Die IG Metall warf VW vor, mit der Kündigung der Tarifverträge etwa tarifliche Zulagen, Ausbildungsübernahmen sowie Schutzregelungen für ältere und gesundheitlich eingeschränkte Beschäftigte infrage zu stellen. Der Verhandlungsführer der IG Metall, Thorsten Gröger, sprach von einem "üblen Foul" an der Belegschaft und von einem "schamlosen Versuch, in die Geldbeutel der Beschäftigten greifen zu wollen".
Volkswagen wiederum erklärte, mit der Kündigung der Tarifverträge öffne das Unternehmen den Verhandlungsraum. Der Autobauer und die Gewerkschaft vereinbarten nach VW-Angaben, sich zu weiteren Gesprächen in der zweiten Oktoberhälfte zu treffen.
Audi nach eigenen Angaben nicht betroffen
Für die Beschäftigten bei Audi gilt nach wie vor der Flächentarifvertrag Bayern der Metall- und Elektroindustrie. Das betonen am Mittwochnachmittag in ersten Stellungnahmen sowohl der Betriebsrat von Audi wie auch ein Sprecher des Unternehmens. Audi sei "eine eigenständige AG" und "da gibt es nichts Neues. Wir haben einen gültigen Vertrag, also den Flächentarifvertrag Bayern". Dieser gilt für viele Unternehmen, so auch für BMW, Siemens und Airbus.
Konkurrenz und Kostendruck: Konzern in der Krise
Der Konzern begründet seinen Schritt damit, dass "geopolitische Spannungen, Handelsbarrieren und zunehmender Wettbewerb" die gesamte Branche belasteten.
"Diese Marktveränderungen sind strukturell und tiefgreifend. Unter anderem drängen chinesische Hersteller mit günstigen Exporten nach Europa." Personalvorstand Arne Meiswinkel
Managementfehler wie den Abgasbetrug oder Probleme mit Modellpalette und Digitalisierung thematisierte der Konzern ebenso wenig wie größere Rückrufaktionen.
Streit um den "Zukunftsplan"
Bereits Anfang September hatte der Aufsichtsrat von Volkswagen einen "Zukunftsplan" beschlossen. Das Management um VW-Chef Oliver Blume hat seitdem ein Mandat, den Konzern umzubauen und Milliarden einzusparen: in den kommenden Jahren sollen weltweit weitere 50.000 Stellen entfallen - zusätzlich zu dem bereits vereinbarten Abbau von 50.000 Arbeitsplätzen. Zudem stehen vier Werke in Deutschland ab 2031 bis 2034 auf der Kippe: Emden, Zwickau, Hannover und Audi in Neckarsulm.
"Der Vorstand glaubt offenbar, uns erpressen zu können: Einfach Werke mit dem Aus bedrohen und dann zusätzlich im nächsten Schritt die nächsten Tarifeinschnitte durchsetzen wollen." Daniela Cavallo, VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzende
Cavallo rechnet "mit einer heftigen Auseinandersetzung zum Jahreswechsel".
Mit Informationen von AFP und dpa
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