In Deutschland arbeiten viele Beschäftigte in Teilzeit – teils freiwillig, teils aber auch aus strukturellen Gründen, wie etwa fehlender Kinderbetreuung oder steuerlichen Nachteilen. Besonders betroffen sind Frauen. Gleichzeitig kann Teilzeit Mitarbeitende entlasten und motivieren und ermöglicht Unternehmen mehr Flexibilität.
Teilzeit arbeiten: Work-Life-Balance und Gesundheit
"Zwei Tage arbeiten, einen Tag frei, zwei Tage arbeiten, Wochenende, super", beschreibt Andreas Sträußl seinen Arbeitsalltag. Der Grafiker hat keine Kinder und niemanden, den er pflegen müsste. Er könnte als sogenannter Lifestyle-Teilzeitler gelten, der keinen offensichtlichen Grund hat, weniger zu arbeiten. "Ich will nicht mehr Geld, ich will mehr Zeit. Weil die Lebenszeit kriege ich nicht wieder", sagt Sträußl.
Doch es gibt einen Grund, warum der 45-Jährige jetzt kürzertritt. Er hatte sich beruflich übernommen, stand kurz vor einem Zusammenbruch. Er reduzierte seine Arbeitszeit auf 32 Stunden die Woche. Von elf Mitarbeitenden in dem jungen Grafikbüro in München arbeiten sechs in Teilzeit. Für die Geschäftsführer ist das kein Problem, im Gegenteil: "Unsere Teilzeitkräfte sind die effizientesten überhaupt. Die wissen einfach, wie man sich strukturiert", bestätigt Geschäftsführer Markus Weber. Gerade in der kreativen Arbeit seien Auszeiten wichtig, um "die kreative Batterie" aufzuladen.
Teilzeit anbieten muss das Büro nicht. Erst ab 15 Mitarbeitern sind Unternehmen gesetzlich dazu verpflichtet, sogar ohne dass der Arbeitnehmer seinen Wunsch, weniger zu arbeiten begründen müsste.
Teilzeit aus wirtschaftlicher Sicht
In Deutschland fehlen Fachkräfte. Gerade kleineren Unternehmen fällt es schwer, geeignete Mitarbeiter zu finden. Doch rechtfertigt das, Menschen vorzuschreiben, wie viel sie zu arbeiten haben? "Soziale Marktwirtschaft heißt Freiheit", urteilt Wirtschaftsexperte Marcel Fratzscher und das bedeute, "dass Menschen individuell wählen können, wie viele Stunden sie in der Woche arbeiten möchten." Bei Arbeitsqualität gehe es nicht darum, die Stunden zu maximieren, sondern die Produktivität zu steigern.
Die meisten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Teilzeit arbeiten in Berufen, in denen vor allem Frauen arbeiten. In Bayern arbeiten 42 Prozent der beschäftigten Frauen in Vollzeit; bei den Männern sind es 80 Prozent. Für Fratzscher ist klar, warum: "In einer Ehe lohnt es sich nach einer Familiengründung finanziell kaum wieder, in den Arbeitsmarkt einzusteigen, geschweige denn in einen Vollzeitjob." Hintergrund sei das Ehegattensplitting und fehlende Kinderbetreuung.
Teilzeit-Arbeitende: "Kein Lifestyle-Modell, sondern Überlebensinstinkt"
Auch Barbara Schuhbauer muss künftig noch kürzertreten. Bereits jetzt arbeitet die Fachkrankenschwester in Teilzeit. Auch ihr Mann ist im Schichtdienst. Mit zwei Grundschulkindern stoßen sie an ihre Grenzen. Das gesamte Betreuungssystem für Kinder sei "absolut nicht auf Schichtarbeiter ausgelegt", kritisiert Schuhbauer.
Mehr zu arbeiten sei auch aus finanzieller Sicht unattraktiv: Sie habe die schlechtere Lohnsteuerklasse. Würde sie mehr arbeiten, müsse sie viel mehr Steuern zahlen. "Ich bin der festen Überzeugung, dass Teilzeitarbeit heutzutage kein Lifestyle-Modell ist, sondern eher so ein Überlebensinstinkt", sagt Schuhbauer.
Mütter in der Teilzeitfalle
Auch Luise aus München musste wegen der Kinder beruflich kürzertreten. Jetzt würde die studierte Innenarchitektin gerne wieder mehr arbeiten. Das sei ihr mündlich zugesagt worden, berichtet Luise. Doch dann hieß es: "Geht leider doch nicht". Das Einkommensplus bleibt aus, Luise fühlt sich in die Teilzeitfalle gedrängt.
Unternehmer: Teilzeitkräfte sind motiviert
Viele Arbeitgeber profitieren von Teilzeit-Modellen. In Gastronomie und Einzelhandel lassen sich so Spitzenzeiten auffangen. "Durch Teilzeitkräfte, die extrem flexibel und motiviert sind, können wir das sehr gut darstellen", bestätigt Unternehmer Anton Stetter. Auch der Arbeitgeber von Barbara Schuhbauer, das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in München, ist auf Teilzeitkräfte angewiesen. Auf der Intensivstation arbeiten drei von vier Mitarbeitenden in Teilzeit. Einen Job in der Intensiv-Krankenpflege schaffen nur wenige lange in Vollzeit.
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