Der deutsche Mode-Versandhändler Zalando schließt Ende September sein Logistikzentrum in Erfurt mit 2.700 Beschäftigten. Das teilte der Dax-Konzern mit Hauptsitz in Berlin mit.
Grund ist nach Unternehmensangaben eine Neuausrichtung des konzerneigenen europaweiten Logistiknetzwerks nach der Übernahme des Online-Modehändlers About You im vergangenen Jahr. Die Erfurter Betreibergesellschaft des Standorts und Konzerntochter stelle demnach zum Jahresende den Betrieb ein. Bis zum Schluss für das Logistikzentrum Ende September laufe die Arbeit unverändert weiter.
Verhandlungen über Sozialplan
Das Unternehmen beginne nun Gespräche mit dem Betriebsrat des Standorts über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan, um den Betroffenen eine Perspektive zu geben, so Pressesprecher Christian Schmidt. Zudem würden Verträge mit externen Betreibern von drei Logistikstandorten im Ausland nicht verlängert.
Zalando-Co-Chef David Schröter signalisierte den Beschäftigten finanzielle Unterstützung. Im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" kündigte er an, der Konzern habe sich auf einen signifikanten Beitrag eingestellt [externer Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt]. Ziel sei es, dass möglichst viele Mitarbeiter einen neuen Job finden – beispielsweise am Zalando-Standort in Gießen im benachbarten Hessen, der sich noch im Aufbau befinde.
Deutliche Kritik an Standort-Schließung aus Landespolitik
Die Landespolitik reagierte auf die Ankündigung mit Kritik. Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) sagte: "Beschäftigten Sicherheit zuzusagen, Leistung zu fordern, ihnen Verlässlichkeit zu signalisieren und anschließend Standorte zu schließen, beschädigt Vertrauen nachhaltig."
Thüringens ehemaliger Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) kritisierte die Entscheidung gegen Erfurt als "brutalen Raubtier-Kapitalismus". "Mit viel staatlichem Geld und massiver Unterstützung des Landes Thüringen war der Standort Erfurt von Zalando aufgebaut worden", erklärte er. Nun habe das Unternehmen die Konkurrenz geschluckt und schließe Standorte, um Millionengewinne zu generieren. Weiter sprach er von einer kalten Abwicklung des Standorts mit nicht viel mehr als dem gesetzlich vorgeschriebenen Sozialplan.
Thüringens Wirtschaftsministerin Colette Boos-John (CDU) monierte, dass das Land vorher nicht in die Schließungspläne von Zalando einbezogen worden sei. "Dass wir hier vor vollendete Tatsachen gestellt worden sind, ist absolut unüblich und ganz sicher kein guter Stil."
"Traurige Nachricht für Wirtschaftsstandort Ostdeutschland"
Aus der Stadtverwaltung Erfurts hieß es, Zalando sei der größte privatwirtschaftliche Arbeitgeber der Stadt. "Ich bedauere diese Entscheidung zutiefst, vor allem, weil wir keine Chance hatten, sie zu beeinflussen", so Oberbürgermeister Andreas Horn (CDU). Er hätte sich dringend eine frühere Beteiligung der Stadt gewünscht. "Das ist nicht nur eine traurige Nachricht für Erfurt und Thüringen, sondern auch für den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland", sagte Horn. Ein Krisengespräch mit der Landesregierung sei für Freitag geplant.
Gewerkschaft: "War sicher schon vor Weihnachten bekannt"
Die Gewerkschaft Verdi spricht von einem perfiden Vorgehen. Im Dezember hatte Verdi an den Standorten Erfurt und Mönchengladbach zum Streik aufgerufen. Bis heute habe es keinerlei Signal gegeben, dass eine Schließung des Erfurter Standorts überhaupt im Raum stehe, sagte Matthias Adorf, Verdi-Gewerkschaftssekretär Handel in Thüringen.
"Das war sicherlich vor dem Weihnachtsgeschäft schon bekannt. Das haben die sich wahrscheinlich nicht in der Neujahrsnacht ausgedacht", sagte Adorf. Aus Sicht des Gewerkschaftsvertreters hat der Konzern die Beschäftigten im Dunkeln gehalten, um das wichtige Weihnachtsgeschäft abzusichern.
Logistik-Infrastruktur auch für Drittfirmen
Das Logistikzentrum Erfurt war 2012 eröffnet worden. Es ist der einzige konzerneigene Logistikstandort in dieser Größe in Ostdeutschland, so Zalando-Sprecher Schmidt. Weitere große Logistikzentren betreibt das Unternehmen in Gießen, in Lahr im Schwarzwald und in Mönchengladbach. Insgesamt sollen nach dem geplanten Umbau 14 Logistikzentren in sieben Ländern verbleiben.
Zalando hatte im vergangenen Jahr den kleineren Rivalen About You übernommen. Er verspricht sich von der Transaktion langfristig einen zusätzlichen operativen Gewinn von 100 Millionen Euro jährlich. Im dritten Quartal verhalf About You Zalando zu einem Umsatzschub. Der Wachstumstreiber ist das Firmengeschäft.
Mit "Zeos" stellt Zalando Drittfirmen unter anderem seine Logistik-Infrastruktur zur Verfügung. Dieses Angebot ergänzt die Shop-Software "Scayle", die von About You entwickelt wurde.
Mit Informationen von dpa, Reuters und AFP
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