WM-Ball Trionda auf Rasen in Fußballstadion
WM-Ball Trionda auf Rasen in Fußballstadion
Bild
Ausgefeilte Technik im WM-Ball namens Trionda soll Fehlentscheidungen der Schiedsrichter verhindern.
Bildrechte: picture alliance / Sportpics | Marc Schueler
Schlagwörter
Bildrechte: picture alliance / Sportpics | Marc Schueler
Audiobeitrag

Ausgefeilte Technik im WM-Ball namens Trionda soll Fehlentscheidungen der Schiedsrichter verhindern.

Audiobeitrag
> Wissen >

Hightech bei der WM: Lässt sich Abseits präzise bestimmen?

Hightech bei der WM: Lässt sich Abseits präzise bestimmen?

2002 wurde Italien im Achtelfinale der Fußball-WM der entscheidende Treffer gegen Südkorea aberkannt, wegen angeblicher Abseitsstellung. Um solche Fehler zu vermeiden, setzt die FIFA heute auf Technik. Aber auch die ist nicht perfekt.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Abend am .

War es tatsächlich ein Tor? Oder haben alle zu früh gejubelt, weil der Spieler vorher in einer Abseitsstellung war? Manchmal geht es bei dieser Frage um wenige Zentimeter. Stehen Schieds- und Linienrichter im entscheidenden Moment allerdings ungünstig, dann liegen sie möglicherweise falsch mit ihrer Einschätzung. Die FIFA setzt deshalb auf technische Unterstützung für die Unparteiischen – und die ist diesmal noch ausgefeilter als bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar.

Optisches Tracking im Stadion

In jedem der 16 WM-Stadien (externer Link) sind 16 Kameras installiert. Sie erfassen die Spieler und den Ball. Ein Computer errechnet aus der Bildinformation unter anderem die Positionen der einzelnen Spieler und ihre Körperhaltung. Das Ergebnis ist ein virtuelles, dreidimensionales Abbild der Situation auf dem Rasen, und zwar für das gesamte Spiel. In dieser 3D-Darstellung kann sich der Video-Assistent bzw. "Video-Schiedsrichter" frei bewegen und die Situation beurteilen, indem er zum Beispiel kalibrierte Linien anlegt.

Warum die Spieler gescannt wurden

Neu ist in diesem Jahr, dass die FIFA von den über tausend Spielern, die bei der WM antreten, Körperscans angefertigt hat (externer Link). Die virtuellen Spieler erhalten auf diese Weise einen realistischeren Körperbau. So lässt sich unter anderem besser klären, ob ein Spieler, der in einer Abseitsstellung war, eventuell die Sicht des Torwarts behindert hat. Schließlich ist es ein Unterschied, ob der Keeper nur ein "schmales Hemd" vor sich hatte oder einen Spieler mit einem "breiten Kreuz".

Das Sensormodul im WM-Ball "Trionda"

Wie schon bei der Fußball-Weltmeisterschaft vor vier Jahren in Katar spielt auch bei dieser WM Hightech im Ball eine entscheidende Rolle. Auch sie liefert Daten, um die Unparteiischen zu unterstützen, erklärt Hannes Schaefke, Director Sports Concepts Football bei adidas. In der Hülle des WM-Balls "Trionda" steckt ein kleines Sensormodul. "Technisch gesprochen besteht der Sensor aus einem Accelerometer und einem Gyroskop", sagt Schaefke. "Das heißt, er kann Beschleunigungen messen und die Orientierung des Balls." 500-mal pro Sekunde erfasst das Modul diese Daten und sendet sie an spezielle Empfangsstationen, die in den Stadien installiert sind. Damit lässt sich unter anderem genau bestimmen, wann der Abseits-entscheidende Pass gespielt wurde.

Wenn sich der Computer beim Schiri meldet

Die Daten aus dem optischen Tracking der Spieler und die Mess-Signale des Sensormoduls im Ball machen eine halbautomatische Abseitstechnologie möglich. Erkennt der Computer ein "Abseits", meldet er das. Bei der WM 2022 ging diese Information nur an den Video-Assistenten. Doch in diesem Jahr gibt es eine Neuerung: Steht ein Spieler mindestens zehn Zentimeter im Abseits, dann bekommen die Unparteiischen direkt vom System einen akustischen Hinweis auf ihre Headsets. Ist die Abseitsstellung nicht so eindeutig, läuft das Ganze, wie bisher, über den Video-Schiedsrichter.

Was zwischen den Bildern passiert

Bei so kleinen Abständen tritt allerdings ein Problem auf, sagt Martin Lames (externer Link), emeritierter Professor für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Technischen Universität München. Die Abseitstechnologie ist nämlich nicht beliebig genau: Es gibt Messfehler. Etwa dadurch, dass die Kameras im Stadion nur fünfzig Bilder pro Sekunde aufnehmen. In der fünfzigstel Sekunde zwischen zwei Bildern können sich die Spieler aber ein ganzes Stück bewegt haben. Wenn der Moment der Ballabgabe zwischen zwei Bildern lag, dann war der Spieler in diesem Augenblick vielleicht doch nicht vor seinem Gegner.

Nicht perfekt, aber besser als das Auge

Daniel Memmert (externer Link), Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln, kann diese Bedenken gegenüber dem FIFA-System ein Stück weit nachvollziehen. Doch sie sind für ihn kein Grund, auf die technische Unterstützung für Schieds- und Linienrichter zu verzichten: "Dieser Fehler ist deutlich geringer, als wir das mit dem Auge hinbekommen. Das heißt, die Technologie reduziert Fehler erheblich, kann sie aber natürlich nicht vollständig ausschließen." Vielleicht ist das aber auch ein Trost für die Fans: Es könnte also auch bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft wieder Entscheidungen geben, die für Aufregung sorgen und an die man sich noch in vielen Jahren erinnern wird.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!