Schon vor Beginn der Fußball-WM der Männer gab es Kritik an dem Großevent: die Kosten für ein Ticket liegen teilweise bei mehreren tausend Euro. Die USA als Gastgeberland haben einen Krieg mit dem Teilnehmerland Iran begonnen. Und die Migrationspolitik von US-Präsident Donald Trump zeigt sich in Einreiseverboten für Fans und Sportler – unter anderem für den somalischen Schiedsrichter Omar Artan.
Sport als gesellschaftliches Teilsystem
Gerade diese politischen Themen am Rande des Großevents müssten Sportjournalistinnen und -journalisten neben der reinen Sportberichterstattung auch aufgreifen, sagt der Sportpublizist Marcus Bölz im Gespräch mit BR24 Medien (Link zum Podcast). Sport sei kein autonomer Raum, sondern als gesellschaftliches Teilsystem "tief in politische, ökonomische und kulturelle Strukturen eingebettet", erklärt Bölz. Sportjournalismus habe – so wie jeder Journalismus – die Verantwortung, Öffentlichkeit herzustellen und Missstände sichtbar zu machen.
Berichterstattung von politischer Unsicherheit geprägt
Bei der diesjährigen Weltmeisterschaft beobachtet Marcus Bölz dabei ein Spannungsfeld: Im Vergleich zu den letzten Weltmeisterschaften sehe er diesmal deutlich weniger politische Aufladung in der Berichterstattung. "Wir haben einen extrem vorsichtigen Umgang mit Akteuren wie Trump." Diese politische Stimmung schlage sich auch auf die Kommunikation nieder, der Sportjournalismus sei pragmatischer geworden, so Bölz.
Sportjournalismus unter finanziellem Druck
Der Kommunikations- und Sportwissenschaftler Christoph Bertling sieht darin eine allgemeine Entwicklung des Sportjournalismus. Es werde immer schwieriger, weg von der reinen Unterhaltung über äußere, politische Faktoren zu berichten. Vereine und Verbände weiteten ihre PR-Arbeit aus und kontrollierten verstärkt Interviews und die Berichterstattung, erzählt Bertling im Medienpodcast BR24 Medien (Link zum Podcast). Bei der Spielberichterstattung werden die Bilder von den Veranstaltern selbst hergestellt, teilweise schon mit Kommentaren versehen und die Lizenzen teuer verkauft.
Gerade darin liegt laut Bertling ein Problem. Die Kosten für die Übertragungsrechte seien in den letzten Jahren gestiegen. Laut Statista kostete die Übertragung der WM 2006 ARD und ZDF 179 Millionen Euro, 2022 waren es 214 Millionen Euro. Die Konsequenz: immer mehr werde über Nachrichtenagenturen abgedeckt und durch Remote-Techniken beliefert, ohne eigene Kameras vor Ort.
ARD mit kleinem Team vor Ort
Dieses Phänomen erlebt auch die ARD bei der diesjährigen WM. Für die Berichterstattung sind rund 50 ARD-Mitarbeitende in den drei Austragungsländern USA, Kanada und Mexiko unterwegs – so wenige wie bei keiner WM zuvor. Der Großteil arbeitet im sogenannten Sport-Hub von Köln aus. Einem zentralen Produktionsstandort, wo die Berichterstattung der gesamten ARD zu sportlichen Großereignissen gebündelt wird. Ein Grund für diese Entscheidung sei wirtschaftlicher Druck, erklärt der ARD-Programmchef für Fernsehen und Online, Thomas Wehrle.
Auch die meisten Bilder, die bei uns im Fernsehen zu sehen sind, werden von der FIFA zugeliefert – über das sogenannte Weltbild. Aber bei den deutschen Spielen seien ARD und ZDF mit eigenen Kameras direkt in den Stadien, betont Wehrle. Außerdem seien auch immer Reporterinnen und Reporter vor Ort. Wenn am Rande des Spiels Proteste stattfinden sollten, die auf dem Weltbild nicht zu sehen sind, "müssen die Reporterinnen und Reporter im Zweifel erzählen, was wir nicht sehen können", so Wehrle.
Mehr Interesse an Unterhaltung als an Politik
Viele Sport-Fans haben laut Kommunikations- und Sportwissenschaftler Christoph Bertling aber nicht unbedingt Bedarf an einer kritischen Berichterstattung vom Spielfeldrand. Sie interessieren sich oft mehr für die Unterhaltung. Es sei da nicht überraschend, dass der Sportjournalismus gerade an der investigativen, hintergründigen Stelle einspare und sich auf die Unterhaltung konzentriere. Bertling sieht darin vor allem ein strukturelles Problem.
Auch der Sportpublizist Marcus Bölz erkennt an, dass der Sportjournalismus in Deutschland im internationalen Vergleich einen durchaus kritischen Blick hat. Viele Sportjournalistinnen und -journalisten hierzulande wüssten, "dass es ein Teil ihres Jobs ist, Macht zu kontrollieren und zu hinterfragen."
