Bis vor wenigen Tagen noch hatte der ehemalige CSU-Abgeordnete Thomas Goppel den Titel inne: Nun hat sein Parteikollege Karl Freller ihn mit 16.065 Tagen Mitgliedschaft im Landtag überholt. Freller, den viele einfach nur "Charly" nennen, ist damit der dienstälteste Abgeordnete im Bayerischen Landtag seit 1946 und aktuell sogar der dienstälteste amtierende Abgeordnete in Deutschland, wie Landtagspräsidentin Ilse Aigner (externer Link) vor wenigen Tagen feststellte.
Dabei kam Frellers erste Wahl in den Landtag 1982 durchaus überraschend. Der damals 26-Jährige war als JU-Bezirksvorsitzender auf die mittelfränkische CSU-Liste gekommen – "es sollte halt auch ein Junger draufstehen", sagt der heute 70-jährige Freller im Gespräch mit BR24. Aber es war eben nur der letzte Platz, eigentlich aussichtslos.
Von "ganz unten" in den Landtag
Doch aus dem Platz "ganz unten" macht Freller eine Tugend. Er verteilt Handzettel mit dem Slogan "Ganz unten" und sagt bei einem Bierzeltauftritt: "Meinen Namen müssen Sie sich nicht merken, machen Sie einfach nur das Kreuzla ganz unten bei der CSU." Und das machen dann so viele Wähler, dass der junge katholische Religionslehrer über die Liste den Einzug in den Landtag schafft.
Das erfährt er übrigens in London, wo er mit einer 9. Klasse auf Abschlussfahrt ist. Den Schülern hatte er versprochen, dass er sie zum Essen einladen würde, sollte es mit dem Einzug in den Landtag wider Erwarten klappen – das Versprechen kostet ihn dann 2.700 DM.
Franz Josef Strauß beim Abendessen in der Familie
Am 20. Oktober 1982 beginnt dann für Freller ein neuer Lebensabschnitt. Am Tag der Konstituierung des neuen Landtags sitzt er als damals jüngster Abgeordneter neben Alterspräsident Alfred Seidl und darf als vorläufiger Schriftführer – wie es auch heute noch der Brauch ist – die Namen der Abgeordneten verlesen. Einer davon ist damals Franz Josef Strauß, seit 1978 bayerischer Ministerpräsident. Der habe ihm sofort gratuliert, sagt Freller: "Eine tolle Verbindung entstand." Auf Einladung von Freller spricht Strauß zwei Jahre später auf dem Marktplatz im heimischen Schwabach. "Und hinterher – das war eine ganz große Ehre für mich – ist er zum Abendessen noch bei uns in der Familie gewesen."
Vier Jahre später, 1986, wird Freller von der CSU als Stimmkreiskandidat aufgestellt und gewinnt den Stimmkreis, der vorher fest in der Hand der SPD war. Es ist auch das Jahr, in dem die Grünen erstmals in den Bayerischen Landtag einziehen. Seitdem hat Freller das Mandat immer wieder verteidigt, zuletzt 2023. Im Landtag ist er zunächst jugendpolitischer Sprecher seiner Fraktion, später bildungspolitischer Sprecher. In der Zeit von Edmund Stoiber als Ministerpräsident wird er Staatssekretär im Kultusministerium, später einer der Vizepräsidenten des Landtags.
Landtagsdebatten: Früher heftiger, aber auch versöhnlicher
In den gut vier Jahrzehnten seiner Abgeordnetentätigkeit hat sich im Parlament viel verändert, sagt Freller. Zum Beispiel die Debattenkultur: Früher sei die Aussprache etwas direkter gewesen, man habe sich durchaus heftiger angegriffen – "aber es war hinterher auch wieder versöhnlicher". Heute sei manche Rede zu geschliffen, jedes Wort werde auf die Goldwaage gelegt. Das Ergebnis: Man werde von der Bevölkerung nicht mehr so gut verstanden.
Engagement gegen Antisemitismus und für Erinnerungskultur
Neben seiner Arbeit im Parlament engagiert sich Freller als ehrenamtlicher Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten für die KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg. Am meisten bewegen ihn immer wieder die Treffen mit Überlebenden des Holocaust. Umso mehr bedrückt ihn der neu aufkommende Antisemitismus.
Mit Sorge sieht er auch die Zuwächse der AfD: "Das ist für mich eine Partei, die zum Teil rechtsextrem, sehr rechtsextrem denkende Menschen in ihren Reihen hat." Es treibe ihn um, "dass sich hier wieder ein Ungeist in Deutschland breit macht, den wir hofften vertrieben zu haben".
2028 muss noch nicht Schluss sein: "Schauen wir mal"
Frellers Appell, auch an die eigenen Kollegen: menschlich bleiben. "Man sollte Menschen mögen, auf Menschen zugehen und gerade auch in Einzelfällen helfen." Denn bei den Problemen im Kleinen merke man oft, was vielleicht auch im Großen schieflaufe.
Und: Ist mit der nächsten Wahl – nach dann rechnerisch 46 Jahren – Schluss? "Na ja, schauen wir mal", sagt Freller. Er hätte durchaus Lust, noch mal zu kandidieren. Das liege aber im ersten Schritt in der Hand der CSU-Basis, im zweiten Schritt dann in der Hand der Wähler.
Im Audio: 16.065 Tage im Landtag - Karl Freller stellt Rekord auf
Deutschlands dienstältester Parlamentarier Karl Freller
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