Der Gasthof "zum Löwen" im Oberallgäuer Lauben ist im Kern über 600 Jahre alt. Eine Zukunft hat das seit längerem leerstehende und marode Gebäude aber nicht mehr. Jetzt haben die Abrissarbeiten begonnen, obwohl sich Denkmalschützer, Architekten und engagierte Bürger mit einer Petition und Protesten für den Erhalt des historischen Gebäudes eingesetzt hatten. Doch aus Sicht der Gemeinde sprach zu viel gegen den Erhalt.
Abrissbagger übernehmen das Kommando
Das frühere "Gasthaus zum Löwen" in Lauben bei Kempten: Türen und Fenster sind ausgehängt, die Inneneinrichtung wandert in Container. Während die Maschinen arbeiten, stehen Anwohner am Straßenrand. Für viele gilt das Gebäude, das erstmals 1394 urkundlich erwähnt wurde, als Herzstück des Ortes, ja, als sein Wahrzeichen. Über Generationen wurde hier gefeiert, getrauert, getanzt – von Hochzeiten bis Faschingsumzügen Nun wird ein Teil der historischen Substanz entfernt, die Fachwerkoptik mit dem Schriftzug "Gasthaus zum Löwen" soll bald ganz aus dem Ortsbild verschwunden sein.
Emotionaler Abschied
Für die Laubenerin Agnes Strohwasser ist der Abriss mehr als eine Baustelle. Sie sagt, ihre Kinder hätten im "Löwen" einen Teil ihrer Jugend verbracht, sie selbst ihre "schönste Zeit". Nun müsse sie zuschauen, wie der Löwe vor ihr sterbe, das sei "sehr traurig".
Jahrelange Diskussionen
In Lauben wird seit mehr als zehn Jahren über die Zukunft des Hauses diskutiert. Nach Angaben der Gemeinde fanden sich weder Pächter noch Investoren, die bereit gewesen wären, das Gasthaus zu übernehmen und zu sanieren. Währenddessen verfiel das Gebäude zunehmend, innen wie außen. In der Folge sei eine wirtschaftlich tragfähige Sanierung nicht mehr darstellbar gewesen, sagt die Gemeinde. Die Sanierung wäre rund 20 Prozent teurer gekommen als ein Neubau.
Gutachten: Morsche Böden, statische Probleme
Zwischen 2021 und 2023 hat ein Architekturbüro das ehemalige Gasthaus im Auftrag der Gemeinde untersucht. Bürgermeister Mathias Pfuhl verweist auf das Ergebnis: Deckenhöhen, die den heutigen Anforderungen nicht genügten, drei unterschiedliche Fußboden-Niveaus bereits im Erdgeschoss, statische Probleme und ein insgesamt stark sanierungsbedürftiger Zustand. Beim Rundgang durch das leere Haus zeigt sich nach seinen Worten ein Bild des Verfalls: morsche Holzböden, feuchte Wände, bröckelnde Fliesen. Aus Sicht der Experten sei ein Neubau notwendig, um künftige Nutzungen bedarfsgerecht unterbringen zu können. Gleichzeitig verursacht der Leerstand laufende Kosten, Abriss und Entsorgung würden mit der Zeit teurer, begründet der Bürgermeister die Entscheidung, jetzt abzureißen.
So sah das "Gasthaus zum Löwen" vor den Abbrucharbeiten aus
Proteste gegen den Abbruch
Protest kommt von Denkmalpflegern, engagierten Bürgern und Architekten. Franz Schröck vom Architekturforum Allgäu wirft der Gemeinde vor, sich nicht früh genug um eine Sanierung oder zumindest um ein Nachfolgekonzept gekümmert zu haben. Er kenne Fälle, in dem marode Bauwerke durch Bürgergenossenschaften gerettet werden konnten. Um alle Optionen zu prüfen, hätte er sich einen Aufschub des Abrisses gewünscht. Nun teile er die Sorge einiger Laubener, dass statt einer würdigen Nachfolge eine versiegelte Fläche das Ortsbild prägen wird. "Irgendwann wird wahrscheinlich ein Bauträger kommen, der von Baukultur keine Ahnung hat und ein Gebäude hinstellt, das überall im Land stehen könnte."
Unklare Zukunft – Wunsch nach neuem Treffpunkt im Ort
Was auf dem freiwerdenden Areal entstehen soll, steht bislang nicht fest. Der Gemeinderat ringt nach eigenen Angaben noch um eine konkrete Nutzung. Klar ist nur: Für viele Menschen in Lauben und darüber hinaus bleibt der Abriss ein emotionales Thema. Heimatpfleger und Denkmalschützer aus ganz Bayern beobachten die Entwicklung, weil das Gebäude als prägendes Beispiel historischer Wirtshauskultur gilt. Bürgermeister Pfuhl hofft, dass nach Abschluss der Arbeiten "irgendwann Ruhe einkehren" kann. Anwohnerin Agnes Strohwasser verbindet mit dem Abriss eine konkrete Erwartung: Sie wünscht sich, dass dort ein neuer Ort der Begegnung entsteht, etwa ein Biergarten oder ein anderer Treffpunkt. Denn derzeit, sagt sie, gebe es in Lauben nichts, wo sich die Bürger regelmäßig versammeln könnten.
BR24 auf Instagram: Abriss eines jahrhundertalten Gasthofs
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

