Das Gunzesrieder Tal, vom Siplingerkopf aus fotografiert.
Bildrechte: picture alliance / Westend61 | Walter G. Allgöwer
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Im abgelegenen Gunzesried-Säge im Oberallgäu möchte das Landratsamt eine Unterkunft für Geflüchtete einrichten.

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Widerstand in Allgäuer Dorf gegen geplante Flüchtlingsunterkunft

Widerstand in Allgäuer Dorf gegen geplante Flüchtlingsunterkunft

Eine neue Unterkunft für bis zu 45 Geflüchtete will das Landratsamt Oberallgäu im Blaichacher Ortsteil Gunzesried-Säge mit 79 Einwohnern einrichten. Dagegen regt sich Widerstand: Bürger haben eine Petition beim Bayerischen Landtag eingereicht.

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Schwaben am .

Gunzesried-Säge, eine kleine Siedlung weit im Süden des Gunzesrieder Tals im Oberallgäu, umgeben von Bergen: Hier endet die öffentliche Straße und nur mehr Alp- und Wanderwege führen weiter hinein ins Alpgebiet. Das Hochtal ist ein beliebtes Ausflugsziel - aber ist es auch der richtige Ort für eine Unterkunft für Geflüchtete?

Das Landratsamt Oberallgäu, zuständig für die Unterbringung von Geflüchteten im Landkreis, hat im März dort den sogenannten Heubethof angemietet, eine ehemalige Unterkunft für Gruppenreisen und Natururlauber. Nach Auskunft des Landratsamtes sollen dort so bald wie möglich Geflüchtete einziehen. Bis zu 45 Menschen könnten dort - zunächst: theoretisch - untergebracht werden.

Petition gegen die Unterkunft: zu abgelegen?

In der betroffenen Siedlung Gunzesried-Säge mit 79 Einwohnern aber gibt es massiven Protest gegen das Vorhaben: "Der Standort ist dafür nicht geeignet", erklärt Bürgermeister Christof Endreß (CSU). Der Ort sei zwar "wunderschön", aber abgelegen. Das nächste Dorf ist Gunzesried – fast vier Kilometer weg. Dort gebe es zwar einen Dorfladen, aber keine Ärzte, keine Schulen oder Kindergärten. Diese Infrastruktureinrichtungen genauso wie Supermärkte seien erst in Blaichach zu finden – mehr als acht Kilometer entfernt. Dorthin zu kommen, sei für Geflüchtete ohne Auto eine Herausforderung, denn ein Bus fahre nur wenige Male am Tag. "Auch die Integration der Geflüchteten fällt unter diesen Bedingungen schwer", meint der Bürgermeister.

Bürger und Bürgerinnen aus Gunzesried-Säge haben inzwischen fast 700 Unterschriften gegen die geplante Flüchtlingsunterkunft gesammelt. Ihr ursprüngliches Ziel war, ein Bürgerbegehren zu initiieren. Das musste der Blaichacher Gemeinderat aber aus formalen Gründen ablehnen: "Die Unterbringung von Geflüchteten liegt nicht im Wirkungskreis der Gemeinde", erklärt Endreß. Allerdings habe sich der Gemeinderat einstimmig den Inhalten der Petition an den Landtag angeschlossen. Diese soll klären, "ob der Standort angesichts der offenen Fragestellungen zum Baurecht, Infrastruktur und Integrationsmöglichkeiten tatsächlich für sinnvoll erachtet wird und ob die Anmietung des Anwesens, auch aufgrund der zurückgehenden Asylbewerberzahlen tatsächlich notwendig ist".

Landratsamt: angespannte Lage trotz rückläufiger Zahlen

Das Landratsamt Oberallgäu hält die Unterkunft für notwendig, da die Unterbringungssituation von Geflüchteten trotzt rückläufiger Zahlen immer noch angespannt sei. Bisher hätten viele Asylbewerber Monate lang in großen Zelten auf eine Umverteilung warten müssen. "Um die besonders belasteten Gemeinden Immenstadt und Waltenhofen zu entlasten, mussten auch weniger optimal angebundene Objekte angemietet werden", teilt das Landratsamt auf BR-Anfrage mit. "Unser Ziel ist es, teure Notunterkünfte aufzulösen und stattdessen auf angemietete Objekte zurückzugreifen, die eine bessere und stabilere Unterbringungssituation ermöglichen“, erklärt Landrätin Indra Baier-Müller (FW).

Landrätin verspricht sorgfältige Auswahl der Geflüchteten

Aktuell sei geplant, ein bis zwei Familien aus anderen Unterkünften in die geplante Unterkunft umzuverteilen – "im Idealfall" ukrainische Familien. "Es wird darauf geachtet, dass mindestens eine Familie ein eigenes Fahrzeug besitzt", versichert die Landrätin. Überhaupt sollen im Blaichacher Ortsteil Gunzesried-Säge vorrangig Personen untergebracht werden, die größtenteils mobil sind oder bereits eine Arbeitsstelle haben.

Angesichts fehlender Alternativen habe der Blaichacher Gemeinderat im Frühjahr 2024 einer befristeten Nutzung zugestimmt. Im Protokoll der entsprechenden nicht-öffentlichen Sitzung des Blaichacher Gemeinderats heißt es dazu: "Auch wenn Bedenken bezüglich des Standorts durch die Gemeinde bestehen, wird angesichts alternativloser gemeindlicher Grundstücke eine Nutzung für fünf Jahre geduldet."

Laut Landratsamt sind in der Gemeinde Blaichach derzeit 42 Geflüchtete untergebracht. Die Landrätin wünscht sich einen Dialog mit den Bürgern und der Gemeinde: "Die Herausforderungen, die mit der Flüchtlingsunterbringung verbunden sind, lassen sich nur gemeinsam bewältigen."

Bayerischer Landtag befasst sich mit Thema

Trotzdem wird sich der Ausschuss für Eingaben und Beschwerden im Bayerischen Landtag mit dem Thema befassen. Die Bürger aus Blaichach haben die Petition bereits eingereicht. Zum Petitions-Ausschuss gehört unter anderem der Oberallgäuer Landtagsabgeordnete Joachim Konrad (CSU). Er betont, dass es wichtig ist, Lösungen für Flüchtlingsfragen zu finden. "Aber eine Unterkunft da hinten, das kann ich mir nicht vorstellen. Dafür fehlt mir die Fantasie", erklärt Konrad auf BR-Anfrage. Er stehe deshalb voll auf der Seite der Petenten. Laut Konrad wird es allerdings noch etwas dauern, bis die Petition behandelt werden kann. Die nächste Ausschusssitzung fände erst nach Ostern statt. "Solange die Petition läuft, wird das Haus aber auch nicht belegt", ist er sich sicher. Das sei Usus.

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