Im Alter wurde Hermann Höllenreiner, genannt "Mano", hoch geehrt, mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, als Ehrengast in den Bayerischen Landtag eingeladen. Er begleitete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei dessen Besuch in Auschwitz. Davor hatte Höllenreiner jahrzehntelang geschwiegen. 2004 schilderte er erstmals in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk, was er als Kind unter nationalsozialistischer Herrschaft erleben musste.
Deportation im Viehwaggon nach Auschwitz
Geboren 1933, musste Mano Höllenreiner als Kind erleben, wie auch Sinti und Roma immer mehr ins Visier der Nazis gerieten. Seinen Eltern wurde verboten, mit dem Planwagen durchs Land zu reisen, ihre Pferde wurden beschlagnahmt. Der Vater wurde schließlich in die Wehrmacht eingezogen und samt Familie in Lenggries im Isartal stationiert.
Doch 1942 wurde Manos Vater aus "rassischen Gründen" aus der Wehrmacht ausgeschlossen und musste in München Zwangsarbeit leisten: Er pflasterte die Straße Giesinger Berg am östlichen Isarufer. Im März 1943 wurde die Familie schließlich frühmorgens von der Gestapo aus dem Bett geholt. Es folgte die Deportation im Viehwaggon nach Auschwitz-Birkenau: "Acht Tage waren wir unterwegs. Das war furchtbar. Alles war voller Kot. Wir waren 40 Personen in einem Wagon und manche sind während der Fahrt gestorben."
Menschenversuche bei KZ-Arzt Josef Mengele
In Auschwitz wurden Sinti und Roma im sogenannten "Zigeunerfamilienlager" untergebracht – in einstigen Pferdeställen. Es herrschten Hunger, Krankheiten und eine mordlüsterne SS-Wachmannschaft: "In der Früh war Appell, dann sind wir barfuß raus in den Schnee und mussten zählen: Eins, zwei, drei... Manche ohne Kleider, ohne alles – sind umgefallen und waren tot."
Höllenreiner geriet in die Fänge des berüchtigten Lagerarztes von Auschwitz, Josef Mengele, der auch an ihm seine Menschenversuche verübte: "Das war ein Teufel. Wir haben Spritzen bekommen und Decken voller Typhusläuse. Davon haben wir die Krätze und Flecktyphus gekriegt."
"Ganz allein" im KZ Sachsenhausen
Am 2. August 1944 räumte die SS schließlich das "Zigeunerfamilienlager": 3.000 noch in Auschwitz verbliebene Sinti und Roma wurden in die Gaskammern getrieben. Mano und seine Familie entkamen zwei Wochen zuvor. Denn da sich die Niederlage Nazideutschlands bereits abzeichnete, brauchte die Wehrmacht wieder Menschenmaterial. Manos Vater und Onkel wurde angeboten, wieder Soldat zu werden, dafür würde man ihre Familien freilassen. Doch statt in Freiheit kamen die Höllenreiners in andere KZ, Mano nach Sachsenhausen nördlich von Berlin: "Sachsenhausen war für mich das Schlimmste, denn in Auschwitz war ich noch bei meiner Mama und meinem Vater. Aber dort war ich ganz allein."
Identifiziert mithilfe der eintätowierten KZ-Nummer
Bei der Befreiung war der Elfjährige krank, ausgehungert und apathisch und wurde von einer Gruppe befreiter französischer KZ-Insassen aufgenommen. So landete Mano unvermittelt in Paris, wo er erst in einer Nervenheilanstalt und dann bei Pflegeltern untergebracht wurde – seinen Namen und seine Herkunft hatte er vergessen. Erst anderthalb Jahre später fand seine Familie ihn wieder.
Identifiziert wurde er mithilfe der KZ-Nummer, die ihm in Auschwitz auf den Arm tätowiert worden war. Mano Höllenreiner hat überlebt, anders als ein Großteil seiner Familie: Weit über 100 Angehörige wurden von den Nazis ermordet.
Jahrzehntelanges Schweigen
Wie so viele Überlebende schwieg Mano Höllenreiner jahrzehntelang über seine Erlebnisse. "Wir waren ja nur froh, dass wir wieder etwas zu essen hatten, dass wir wieder leben konnten". Er baute sich trotz aller Diskriminierungen, die Sinti und Roma bis heute erfahren, ein neues Leben auf. Sein Schweigen brach er erst Jahrzehnte später. Die Buchautorin Anja Tuckermann veröffentlichte seine Lebensgeschichte unter dem Titel "Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war". In der Folge trat Mano Höllenreiner regelmäßig als Zeitzeuge auf und engagierte sich in der Erinnerungsarbeit, insbesondere an seinem Wohnort Mühldorf, wo die Nazis ein KZ-Außenlager errichtet und hunderte Jüdinnen und Juden ermordet hatten.
Mano starb nach langer Krankheit im Kreise seiner Familie – gepflegt bis zuletzt von seiner Tochter Carol und seiner Frau Else, mit der er 70 Jahre lang verheiratet war.
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