"Mein Nebenmann fehlte auf einmal. Es ging alles sehr schnell, dann lagen die Menschen auf der Straße", erzählt Hans Reichhart. Er ist damals Bürgermeister in Jettingen-Scheppach im Landkreis Günzburg und zieht mit 150 Menschen vom Friedhof zur Kirche, um einer bekannten Zeitungsausträgerin das letzte Geleit zu erweisen. Doch plötzlich rast ein schwarzer Van ungebremst auf die Gruppe zu. Der Fahrer hatte, wie sich später herausstellt, einen Herzinfarkt erlitten. Reichhart wird nur gestreift, doch viele andere trifft das Fahrzeug mit voller Wucht. Zwei Frauen sterben noch am Unfallort, 56 Menschen werden verletzt und mit Hubschraubern und Rettungswagen in umliegende Krankenhäuser gebracht.
Große psychische Belastung
An den Rettungskräften geht der Einsatz nicht spurlos vorbei. Otto Kennel war als erster Notarzt vor Ort und hatte zuhause immer noch Bilder im Kopf. "Ich bin zusammengebrochen. Mir ging es schlecht, ich habe geweint und mich einfach mies gefühlt", sagt er. Wie man psychische Extremsituationen bewältigen kann, war Teil eines Workshops der Kreiskliniken Günzburg-Krumbach. Es sei wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn man sich durch ein Ereignis längere Zeit belastet fühle, erklärt Dieter Lenzenhuber, Experte für Psychosoziale Notfallversorgung. Sonst könne sich aus einem Ereignis eine posttraumatische Störung entwickeln. "Eine Rettungskraft hatte mir erzählt, dass sie nicht mehr arbeiten kann. Sie sehe in den Straßengräben schon die toten Motorradfahrer, die ihr zuwinken", erzählt Lenzenhuber.
Wappnen für geopolitische Konflikte
20 Jahre nach dem Unglück in Jettingen-Scheppach hat sich vieles verbessert. Ein Kriseninterventionsteam wurde gegründet. Das Krankenhaus hat auch einen Alarm- und Einsatzplan entwickelt, der Szenarien wie Terrorwarnungen, Hochwasser oder Blackout abdeckt, und es kommen weitere Themen dazu. "Wir arbeiten momentan an einer Regulatorik für die zivil-militärische Zusammenarbeit aufgrund der geopolitischen Konflikte. Das war sicherlich 2006 noch nicht der Fall, dass man an solche Themen gedacht hat", so Robert Wieland, Vorstand der Kreiskliniken. Um für künftige Ereignisse mit vielen Opfern gewappnet zu sein, brauche es mehr Finanzmittel vom Bund oder von den Ländern. Mit der bisherigen Krankenhausfinanzierung erreiche man die gewünschte Widerstandsfähigkeit nicht, so Wieland.
Zurückkämpfen ins Leben
Auch in Jettingen-Scheppach stellte sich nach dem Unglück die Geldfrage. Denn viele Schwerverletzte lagen monatelang im Krankenhaus, und mussten teilweise unzählige Operationen über sich ergehen lassen. "Manche Versicherungen sträubten sich anfangs, doch zahlten letztlich. Es gab auch eine große Spendensammlung im Ort", sagt Hans Reichhart. Der ehemalige Bürgermeister hatte viele Unfallopfer persönlich besucht und ihnen Briefe geschrieben. Manche wurden wieder ganz gesund, andere mussten mit einer Behinderung leben. Heike Reitsam kämpfte mit einem Beckenbruch und Hüftproblemen. "Man muss erst lernen, dass man die Wohnung vielleicht nicht mehr so picobello sauber hält wie früher. Man muss ein Stück weit relaxter werden", sagt sie.
"Ich hätte auch tot sein können"
Der Schweregrad von Verletzungen wird mit der ISS-Skala gemessen, die von 1 bis 75 reicht. Bereits ab 25 gilt ein Patient als 'hochgradig schwerverletzt', zahlreiche Patienten des Unglücks von Jettingen-Scheppach wurden mit Werten von 50 oder 60 eingestuft. Dass nur wenige Menschen an ihrer Situation verzweifelt sind, hatte nicht nur Mediziner überrascht. "Wenn ich die Patienten gefragt habe, wie geht es? Dann hörte ich: Ich bin eigentlich zufrieden. Ich hätte ja auch tot sein können."
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
