Nicht alle Beschäftigten in den Isar Sempt Werkstätten in Freising haben aktuell eine Aufgabe.
Nicht alle Beschäftigten in den Isar Sempt Werkstätten in Freising haben aktuell eine Aufgabe.
Bild
Nicht alle Beschäftigten in den Isar Sempt Werkstätten in Freising haben aktuell eine Aufgabe.
Bildrechte: BR/Simon Berninger
Schlagwörter
Bildrechte: BR/Simon Berninger
Audiobeitrag

Nicht alle Beschäftigten in den Isar Sempt Werkstätten in Freising haben aktuell eine Aufgabe.

Audiobeitrag
>

Behindertenwerkstätten klagen über maue Auftragslagen

Behindertenwerkstätten klagen über maue Auftragslagen

Hochs und Tiefs in der Wirtschaft treffen auch die Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Aufgrund der fortschreitenden Deindustrialisierung bekommen die Einrichtungen derzeit weniger Aufträge, an denen der Lohn für die dort Beschäftigten hängt.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

Armin Nefzger freut sich, dass er was zu tun hat: Der 56-Jährige arbeitet in einem Arbeitsbereich der Isar Sempt Werkstätten in Freising, wo Etiketten auf die Flaschen eines Bierherstellers geklebt werden. Einen Werkraum weiter herrscht dagegen Flaute: Hier haben die Menschen mit Behinderung gerade Leerlauf. Es fehlt an einem Auftrag aus der Wirtschaft.

Behindertenwerkstätten: Wichtig für Selbstwertgefühl

"Wir gehen tatsächlich Klinken-Putzen", sagt Albert Wittmann von den Isar Sempt Werkstätten. Heißt: Er bemüht sich derzeit proaktiv, Aufträge aus Industrie und Wirtschaft an Land zu ziehen, damit die rund 150 Menschen mit Behinderung, die täglich in die Freisinger Werkstatt kommen, eine Beschäftigung haben. "Das ist wichtig für das Selbstwertgefühl der Menschen, um sich als Teil der Gesellschaft wahrzunehmen", sagt Wittmann, gerade weil der Grad ihrer Beeinträchtigung eine Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt nicht zulasse.

Es gibt jedoch auch immer wieder Kritik an der Bezahlung in den Werkstätten. Dort gilt in der Regel kein Mindestlohn und die Beschäftigten haben nicht die gleichen Arbeitnehmerrechte wie im ersten Arbeitsmarkt.

Rund 1.300 Menschen jährlich in Behindertenwerkstatt empfohlen

Die zuständige Arbeitsagentur empfiehlt jährlich rund 1.300 Menschen mit Behinderung einen Berufsstart in einer Behindertenwerkstatt. Die Zahl hält sich seit fünf Jahren auf einem annähernd gleichen Niveau. Nur ist eben die Auftragslage aus Industrie und Wirtschaft rückläufig, sagt die Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen in Bayern, in der die bayernweit rund 150 Werkstätten organisiert sind. "Vor allem aus der Automobilbranche gehen die Aufträge zurück", sagt Peter Pfann von der Landesarbeitsgemeinschaft. Aber auch aufgrund der allgemeinen Deindustrialisierung, also der Verlagerung der Produktion ins Ausland, blieben Aufträge an die Behindertenwerkstätten aus.

Für die Menschen mit Behinderung hat das Folgen: An den Aufträgen aus der Wirtschaft hängt auch ihr Lohn. "Wenn wir keine Aufträge haben, verdienen wir kein Geld und die Löhne der Menschen mit Behinderung dürfen nur aus diesem Verdienst bezahlt werden", erklärt Albert Wittmann in Freising. Zwar können Behindertenwerkstätten mit Geldern aus öffentlicher Hand rechnen, allerdings dürfen diese nach der Sozialgesetzgebung ausschließlich für die Gehälter der Betreuer und zur Instandhaltung der Werkstattgebäude verwendet werden.

"Politik muss Klima schaffen, dass Firmen nicht weggehen"

"Eine Werkstatt, die mit den Aufträgen viel Geld verdient, kann auch hohe Löhne an die Beschäftigten bezahlen. Und umgekehrt, bedauerlicherweise", sagt Peter Pfann vom landesweiten Werkstatt-Verband. Entsprechend seien die Werkstätten landauf, landab in einem "Transformationsprozess", was die Einrichtungen "vor eine große Herausforderung" stelle.

Für Albert Wittmann in Freising ist deshalb klar, dass die Politik "wieder ein Klima schaffen muss, dass die Firmen nicht weggehen, sondern dableiben". Mit den richtigen Aufträgen könne man sich auf die Menschen in den Werkstätten verlassen: "Wir brauchen halt Dinge, die man anfassen kann in hohen Stückzahlen – echte Produktion". So wie in der Werkstatt, in der Armin Nefzger Etiketten auf Bierflaschen kleben kann.

Sie interessieren sich für Themen rund um Religion, Kirche, Spiritualität und ethische Fragestellungen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter. Jeden Freitag die wichtigsten Meldungen der Woche direkt in Ihr Postfach. Hier geht's zur Anmeldung.