Zugbegleiter von DB Regio und Trainer üben Techniken während des Deeskalationstrainings für Zugpersonal
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Bespuckt, beschimpft, getreten: Der Alltag von Bahnpersonal
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Martin Schutt
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Bespuckt, beschimpft, getreten: Der Alltag von Bahnpersonal

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Verbale und körperliche Gewalt gehört für viele Beschäftigte der Deutschen Bahn inzwischen zum Berufsalltag. 2025 wurden bundesweit mehr als 3.000 Übergriffe registriert. Nun sollen Bodycams für mehr Sicherheit sorgen.

Über dieses Thema berichtet: Stadt Land Leute am .

Früh morgens am Münchner Ostbahnhof: Dienstbeginn für Benjamin Teichgräber. Er ist einer von knapp 5.500 Zugbegleitern im Nahverkehr der Deutschen Bahn. Der 32-Jährige pendelt fast täglich nach Mühldorf und zurück. Er kontrolliert Tickets, gibt Auskunft – und hört sich Beschwerden über Zugverspätungen an. All das gehöre zu seinem Job, "könnte man meinen", sagt der Zugbegleiter.

Sein Arbeitsalltag sei nach 16 Dienstjahren deutlich rauer geworden: "Man wird fast tagtäglich beleidigt und beschimpft. Bespuckt werden wir auch – regelmäßig, kann man fast sagen." Er selbst sei bereits viermal körperlich angegriffen worden. Wie er damit umgeht? Nach Hause gehen, wegstecken und Feierabend machen. So müsse man den Job angehen: "Wenn man das tagtäglich durchmacht und alles mit nach Hause nimmt, dann macht man das nicht lange.", sagt Teichgräber.

3.000 Übergriffe im Jahr 2025

Benjamin Teichgräber ist kein Einzelfall. Im Jahr 2025 verzeichnete die Deutsche Bahn bundesweit über 3.000 Übergriffe auf ihre Mitarbeiter. Rund die Hälfte davon betraf Zugbegleiter – umgangssprachlich Schaffner. Jüngstes Beispiel: Der tödliche Angriff in einer Bahn bei Kaiserslautern auf einen 36-jährigen Zugbegleiter und Vater zweier Kinder. Dieser verstarb laut Staatsanwaltschaft an einer Hirnblutung infolge der Schläge eines Fahrgasts.

Bodycams sollen zum Standard werden

Angesichts solcher Fälle kündigte die Bahn neue Sicherheitsmaßnahmen an. Bahnchefin Evelyn Palla erklärte auf einem von ihr einberufenen Sicherheitsgipfel in Berlin, dass das Unternehmen noch in diesem Jahr alle Beschäftigten mit Kundenkontakt in Zügen und Bahnhöfen auf freiwilliger Basis mit Bodycams ausstatten wolle. Damit greift Palla eine zentrale Forderung der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) auf. Die Gewerkschaft hatte sich bereits für einen bundesweiten Einsatz von Bodycams ausgesprochen – einschließlich Tonaufzeichnung. Ziel ist es, auch verbale Attacken auf Beschäftigte lückenlos zu dokumentieren und im Nachhinein besser verfolgen zu können.

"Zivilcourage hat nachgelassen"

Die geplante flächendeckende Einführung von Körperkameras befürwortet Teichgräber ausdrücklich. Er selbst trägt bereits seit Längerem eine Bodycam im Dienst. Die Kamera gebe ihm ein Gefühl von Sicherheit – insbesondere in einer Zeit, in der Zivilcourage nicht selbstverständlich sei. "Die Unterstützung von anderen Fahrgästen hat in den letzten Jahren nachgelassen. Wir sind sehr auf uns allein gestellt. Deshalb bin ich froh, dass es die Bodycam gibt. Oftmals hilft es doch die Leute zu besänftigen und runterzubringen." Zusätzlich trägt er ein Abwehrspray bei sich, sowie einen sogenannten Prio Ruf – einen Notfallknopf, der im Ernstfall den Zugführer und die Leitstelle informiert.

Gefährliche Situationen: Fahrkartenkontrollen

Der Pendlerzug vom Münchner Ostbahnhof nach Mühldorf besteht aus fünf Wagen und kann bei voller Auslastung rund 1.000 Menschen transportieren, so Teichgräber. Die Besatzung besteht in der Regel aus einem Zugbegleiter und einem Zugführer – also insgesamt zwei Personen. Bei jeder Fahrt müsse er die Fahrkarten aller Fahrgäste kontrollieren. Eine Situation, die Risiken birgt. Zwar hätten inzwischen die meisten Menschen ein gültiges Ticket – vor allem seit der Einführung des Deutschlandtickets. Doch Fehler im System ermöglichten es, Tickets unrechtmäßig weiterzugeben. Deshalb kontrolliere er zusätzlich zur Fahrkarte immer auch den Personalausweis. "Und das sind halt dann oft die Triggerpunkte – in Verbindung mit der Ausweiskontrolle -, um die Diskussion zu entfachen und die Gewaltbereitschaft des Fahrgastes zu wecken. Weil man in der Situation den Betrugsversuch frisch aufgedeckt hat.", sagt der Zugbegleiter.

Die Mehrheit bleibt respektvoll

Nach Angaben der Deutschen Bahn reisen täglich rund 20 Millionen Menschen durch knapp 5.700 Bahnhöfe in ganz Deutschland. Gemessen an dieser Zahl sei das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, grundsätzlich gering.

Im Normalfall verhalten sich die Fahrgäste freundlich und angepasst. So wie die beiden Reisenden Quirin Kaes und Johann Eickelberg: "Ihr macht einen fantastischen Job - ihr habt keinen leichten Job. Die Kilometer, die ihr hier lauft, hin und zurück in diesem Zug, da habe ich wirklich Respekt vor.", sagt Eickelberg zum Zugbegleiter. Und auch sein Freund Quirin Kaes fasst in deutlichen Worten zusammen: "Leute angreifen, egal in welcher Form: Das ist ekelhaft und würdelos."

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