Der 35 Jahre alte Lokführer spricht betont ruhig und atmet immer wieder tief ein. "Das kann man sich vorstellen wie ein Erdbeben", sagt er. "Es gab eine Riesenstaubwolke". Er sei aus seinem Sitz geschleudert worden. "Dann hab ich meinen Notruf abgesetzt."
Worum es im Prozess geht
Am 3. Juni 2022 entgleiste in Burgrain bei Garmisch-Partenkirchen ein Zug: Fünf Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Seit Oktober dieses Jahres läuft vor dem Landgericht München II der Prozess. Angeklagt: zwei Bahnmitarbeiter. Ihnen wirft die Staatsanwaltschaft vor, Warnungen über schadhafte Betonschwellen ignoriert oder nicht weitergegeben zu haben – es geht um fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung.
Der Moment der Katastrophe: "Ein Schlag nach rechts, ein Schlag nach links"
Der Hauptzeuge dieses Verhandlungstags lenkte den Zug und schildert als Zeuge, wie er das Unglück erlebte. Plötzlich habe sein Fahrzeug "einen Schlag nach rechts, einen Schlag nach links" gemacht. Er sei hochgeschleudert worden und in der Fahrerkabine eingeschlossen gewesen, bis Feuerwehrleute ihn befreiten. Vom Fenster aus habe er den Fahrgästen, die im Schock über die Gleise geirrt seien, zugerufen, sie sollten vorsichtig sein.
Schienen "wie ein langgestrecktes Fragezeichen"
Kurz vor der Entgleisung, so der Lokführer im Zeugenstand, habe er noch eine Auffälligkeit auf der Strecke vor sich gesehen. "Für mich sah es aus wie ein langgestrecktes Fragezeichen." Er habe eine Schnellbremsung einleiten wollen, aber das sei zu spät gewesen.
Unglücksursache: Marode Bahnschwellen
Ursache des Zugunglücks waren Gutachten zufolge marode Betonschwellen; die Bahn hat nach eigenen Angaben inzwischen rund zwei Millionen davon bundesweit ausgetauscht. Die Schwellen von Burgrain waren wegen chemischer Reaktionen im Inneren des Stahlbetonkerns nicht mehr tragfähig genug.
Es gab Hinweise, dass die Gleise an der späteren Unfallstelle problematisch waren. Am Abend vor dem Unglück erhielt der Fahrdienstleiter einen Funkspruch, in dem von Unregelmäßigkeiten am Gleis die Rede war. Da sei ein "Schlenker" drin, der Zug "hüpfe". Der Angeklagte sagte, er gebe das weiter – das geschah aber nicht.
Kleine Unregelmäßigkeiten "alle zwei Kilometer"
Auch der Lokführer schilderte einen oft problematischen Zustand der Schienen. "Ich hab mich für den Beruf entschieden und da muss ich mit dem Anlagenzustand klarkommen", sagte er. Er sei Quereinsteiger mit einer Ausbildung von achteinhalb Monaten und habe "von Gleisbau keine Ahnung".
Unregelmäßigkeiten im Schienennetz seien keine Seltenheit. "Diese latenten, kleinen Sachen – da kann ich alle zwei Kilometer melden." Der Schaden, der ihm in Garmisch aufgefallen sei, sei aber größer gewesen. Nach Angaben des Lokführers hätte er ihn gemeldet – hätte er die Gelegenheit dazu noch gehabt.
Ein Schock - kein Trauma: Lokführer ist wieder im Einsatz
Der 35-Jährige erlitt nach eigenen Angaben eine Wadenprellungen und Abschürfungen an der Hand. Traumatisiert sei er nicht. "Das war eher ein Schock". "Das schwierigste für einen Lokführer ist immer, diese Stelle wieder zu befahren", sagte der 35-Jährige. "Da kam mir zugute, dass die Stelle kaum wiederzuerkennen ist, sie sieht komplett anders aus als am Unfalltag." Drei Wochen nach dem Unfall habe er wieder arbeiten wollen, sagt er. Nach zehn Wochen sei er wieder voll im Dienst gewesen.
Mit Informationen von dpa
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