Am Ostersonntag 1986 attackieren Demonstranten den Bauzaun, der das Gelände der geplanten Atomanlage abschirmt.
Am Ostersonntag 1986 attackieren Demonstranten den Bauzaun, der das Gelände der geplanten Atomanlage abschirmt.
Bild
Am Ostersonntag 1986 attackieren Demonstranten den Bauzaun, der das Gelände der geplanten Atomanlage abschirmt.
Bildrechte: picture alliance / JOKER | Hartwig Lohmeyer
Schlagwörter
Bildrechte: picture alliance / JOKER | Hartwig Lohmeyer
Audiobeitrag

Am Ostersonntag 1986 attackieren Demonstranten den Bauzaun, der das Gelände der geplanten Atomanlage abschirmt.

Audiobeitrag
>

Die Kirchen und Wackersdorf: 40 Jahre nach den Oster-Protesten

Die Kirchen und Wackersdorf: 40 Jahre nach den Oster-Protesten

Vor 40 Jahren fand in der Oberpfalz einer der größten Umweltproteste in der Bundesrepublik statt. Er richtete sich gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage für abgebrannte Atombrennstäbe in Wackersdorf. Was ist davon heute noch zu spüren?

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Nah dran am .

Heute erinnern sich nur noch die älteren Wackersdorfer an die Proteste gegen den Bau der Wiederaufbereitungsanlage (WAA). Mit 100.000 Demonstranten erreichten sie an Ostern 1986 einen Höhepunkt. Beobachter sprachen damals von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen".

"Gott will, dass hier Menschen leben können – und nicht vernichtet werden"

Einer, der eine Rolle bei den Protesten gespielt hat, ist der katholische Pfarrer Andreas Schlagenhaufer. Der heute 85-jährige Oberpfälzer erinnert sich, wie er in den 1980er Jahren den Bauplan der Wiederaufbereitungsanlage betrachtet und sich gefragt hat: "Warum braucht diese Anlage einen 200 Meter großen Kamin?" Die Betreiber erklärten ihm, dass die Schadstoffe damit weiter verbreitet würden. Wenn der Kamin niedriger sei, würde die Umgebung verseucht werden, so erinnert sich der Pfarrer.

Andreas Schlagenhaufer war egal, wie weit Schadstoffe verteilt werden würden. Er wollte keine Wiederaufbereitungsanlage. "Gott will, dass die Menschen hier leben können, und nicht, dass Leben vernichtet wird. Und deswegen haben wir uns engagiert."

Protest mit Demonstrationen und Andachten

Der Bauzaun von Wackersdorf war damals übermannshoch, mit Betonsockel und viel Stacheldraht bewehrt und ständig von der Polizei bewacht. Er war das Symbol und der Schauplatz des Widerstands gegen die Wiederaufbereitungsanlage.

Gegen ihn warfen Demonstranten Steine, hier versprühte die Polizei aus Hubschraubern Tränengas und ging mit Knüppeln auf sie los. Von hier gingen Bilder in die ganze Republik, die so gar nicht zu dem Bild des frommen und braven Oberpfälzers passten, das manche gehabt haben mögen.

Andreas Schlagenhaufer fuhr damals von seiner Pfarrstelle im 40 Kilometer entfernten Kohlberg in den Wald rund um das Baugelände in Wackersdorf. Dort hielt er – wie auch andere katholische und evangelische Pfarrer – Andachten. Wolfgang Nowak aus Schwandorf kam regelmäßig dazu. "Da sind auch Leute hergekommen, die sich nicht getraut haben, an den Zaun zu gehen. Aber wenn ein Pfarrer dabei ist, dann war es gut", erinnert sich Nowak. Wichtige Treffpunkte waren vor allem ein Kruzifix westlich des Baugeländes und das eigens errichtete Franziskus-Marterl.

Spaltung des Ortes: Arbeitsplätze versus Umweltschutz

Die örtliche Kirchengemeinde von Wackersdorf schloss sich dem Protest damals nicht an, sagt der heutige Ortspfarrer, Werner Sulzer. "Man hat damals als Pfarrei, glaube ich, auch versucht, sich aus diesem Konflikt herauszuhalten, relativ neutral zu halten, weil es eben beide Meinungen auch vor Ort gab."

Viele Wackersdorfer erhofften sich von der Wiederaufbereitungsanlage Arbeitsplätze. Die hatte die Staatsregierung versprochen. Der damalige Ministerpräsident und Ex-Bundesatomminister Franz-Josef Strauß verwandte religiöse Kategorien, wenn er über Atomkraftgegner sprach. "Wer die Menschen verwirrt, wer sie ohne Grund in Unsicherheit, Aufregung und Furcht versetzt, betreibt das Werk des Teufels."

Andreas Schlagenhaufer erinnert sich, dass auch sein Chef, der damalige Regensburger Bischof Manfred Müller, den Protest nicht unterstützt habe. Nicht nur der Ort war gespalten, sondern auch die Kirche. Da gab es Befürworter und Gegner.

Keiner will die Wunden von damals wieder aufreißen

Andreas Schlagenhaufer setzt sich bis heute für erneuerbare Energien ein und für mehr Demokratie in der Kirche, und immer wieder veranstaltet er mit seinen Mitstreitern Andachten am Franziskus-Marterl. Der heutige Wackersdorfer Pfarrer Werner Sulzer war noch nie dort und sagt zu den Protesten vor 40 Jahren: "Es ist eigentlich so gut wie nie Thema. Man hat eher den Eindruck, dass man ungern daran rührt, was vielleicht sogar manche Wunden von damals wieder aufreißen könnte."

In den örtlichen Tourismus-Informationen kommen die Proteste auch nicht vor. Schlagenhaufer und sein Mitstreiter haben QR-Codes an Bäume im Wald geklebt, damit zufällig vorbeikommende Wanderer sich informieren können, warum da mitten im Wald noch das Marterl, ein großes Kruzifix und ein buntes Schild "zum Dank für das Aus der WAA" steht.

Auf dem einstigen Baugelände der WAA in Wackersdorf ist längst ein Industriegebiet entstanden. Tausende pendeln täglich zur Arbeit nach Wackersdorf. Die Gemeinde mit ihrem großen Ärztehaus, Panoramabad, Mehrgenerationenhaus und gepflegten Sportstätten steht proper da. Erinnerungen daran, was hier vor 40 Jahren geschah, sind nur weitab im Wald zu sehen.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

Sie interessieren sich für Themen rund um Religion und Spiritualität? Dann abonnieren Sie hier den Newsletter der Redaktion Religion & Orientierung.