Darum geht's:
- In den Schaltanlagen älterer Windkraftanlagen dient das sehr klimaschädliche Gas Schwefelhexafluorid (SF6) als Isoliermittel.
- Im Normalbetrieb entweicht nur sehr wenig SF6 aus Windrädern in die Atmosphäre, Brände sind derweil selten.
- SF6 machte 2024 0,28 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen in ganz Deutschland aus – und davon ist nur ein Bruchteil auf die Windkraft zurückzuführen.
Dichter, schwarzer Rauch steigt in den Himmel. Die Gondel eines Windrads steht in Flammen, 113 Meter über dem Boden. Diese Szene ereignete sich Ende Mai an der A7 im unterfränkischen Landkreis Kitzingen.
Einige Nutzer auf sozialen Medien stellten infolge des Vorfalls die Klimabilanz von Windkraft grundsätzlich in Frage – und verbreiteten dabei irreführende und falsche Behauptungen.
Auf TikTok schrieb etwa ein Nutzer: "Ist bestimmt CO2 Neutral abgebrannt und hat bestimmt kein SF6 Gas freigesetzt." Ein anderer kommentierte: "Die Treibhausgase die bei sowas freigesetzt werden [sic] sind unglaublich schlimm! Warum passiert sowas so oft".
Als das Windrad bei Kitzingen brannte, entwich kein Schwefelhexafluorid (SF6).
Aber: Brände von Windkraftanlagen sind selten, Windkraft gehört zu den Stromgewinnungs-Arten mit der besten Klimabilanz, wie dieser #Faktenfuchs zeigt.
SF6 in Kitzingen nicht von Brand betroffen
Richtig ist: In den Schaltanlagen einiger Windkraftanlagen wird Schwefelhexafluorid, kurz SF6, als Isoliermittel eingesetzt. Tatsächlich gilt SF6 als das stärkste bekannte Treibhausgas – ein Kilogramm SF6 trägt 24.300 Mal stärker zur Erderwärmung bei als ein Kilogramm Kohlenstoffdioxid (CO2), schreibt das Umweltbundesamt dem #Faktenfuchs auf Anfrage. Außerdem bleibt es für 3.200 Jahre in der Atmosphäre. Durch den Windrad-Brand bei Kitzingen gelangte allerdings kein SF6 in die Umwelt.
Das Windrad, das in Kitzingen brannte, ist ein Modell vom Typ E-70 des deutschen Windradproduzenten Enercon. Der Hersteller schreibt auf #Faktenfuchs-Anfrage: "Bei der betreffenden Anlage befindet sich die Mittelspannungsschaltanlage im Bereich des Turmfußes, der nicht vom Brand betroffen war."
Die Schaltanlage – also das Gerät im Windrad für die Steuerung und Kontrolle des Stromflusses – sei dabei unversehrt geblieben, so dass es zu keinem Austritt gekommen sei. "Gebrannt hat es ausschließlich oben im Bereich des Maschinenhauses/Generators, teilweise wurden durch das Feuer auch die Rotorblätter beschädigt", schreibt Enercon. Auch das Landratsamt Kitzingen schreibt dem #Faktenfuchs auf Nachfrage, dass bei dem Brand kein SF6-Gas ausgetreten sei.
Anteil von Windrädern an SF6-Emissionen gering
SF6 machte 2024 0,28 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen Deutschlands aus, so das Umweltbundesamt auf #Faktenfuchs-Anfrage. Dabei ist bereits berücksichtigt, dass SF6 deutlich klimawirksamer als etwa CO2 ist. Für die Vergleichbarkeit werden Treibhausgas-Emissionen in sogenannte CO2-Äquivalente umgerechnet.
Welchen Anteil SF6 in Windrädern an dem gesamten SF6-Aufkommen in Deutschland ausmacht, darauf deutet eine Zahl des Statistischen Bundesamts hin: 2024 gingen dreizehn Prozent des neu in den Verkehr gebrachten SF6 in Deutschland in den Energiebereich. Darunter fallen auch Hersteller von Windrädern. Auch Netzbetreiber, Umspannwerke, Solarparks und Industrieunternehmen mit Stromproduktion für den Eigenverbrauch sind Teil dieser Kategorie, wie das Statistische Bundesamt dem #Faktenfuchs mitteilt.
Das Umweltbundesamt schreibt dem #Faktenfuchs: "SF6-Schaltanlagen finden sich an vielen Stellen im Stromnetz, neben Windenergieanlagen auch in Umspannwerken, Kraftwerken jeder Art, bei großen Gebäuden und anderen Knotenpunkten der Verteilernetzebene." Die Behörde könne jedoch die Zahl der Schaltanlagen oder die SF6-Menge, die zu Windenergieanlagen gehört, nicht herausrechnen.
In Europa gelten gesetzliche Vorgaben für die Dichtheit von Schaltanlagen und die Entsorgung sowie das Recycling von SF6. Laut Umweltbundesamt entweichen aus Mittelspannungs-Schaltanlagen im Betrieb jedes Jahr 0,1 Prozent des enthaltenen SF6. Christian Franck, Professor für Hochspannungstechnik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, schreibt dem #Faktenfuchs: "In modernen Windanlagen werden SF6-freie Technologien eingesetzt."
Windräder brennen in Deutschland selten
Der Bundesverband Windenergie, ein Zusammenschluss der Branche, schreibt dem #Faktenfuchs auf Anfrage: "Die in einzelnen Schaltanlagen enthaltenen SF6-Mengen variieren je nach Hersteller, Bauart und Einsatzbereich." In einer Schaltanlage befänden sich zumeist etwa sechs Kilogramm des Gases.
Fabian Rechsteiner forscht zum Recycling von Windenergieanlagen am Fraunhofer Institut für Gießerei-, Composite-, und Verarbeitungstechnik (Fraunhofer IGCV) in Augsburg und sagt: "Dieses Schwefelhexafluorid ist eben genau dazu da, dass es nicht brennt. Es isoliert die Anlage, damit kein Brand entstehen kann." Trotz seltener Brände und geringfügiger Leckagen von SF6 im laufenden Betrieb hätte Windenergie immer noch eine bessere Klimabilanz als andere Formen der Stromerzeugung. Wenn das SF6 bei dem Windrad-Brand in Kitzingen entwichen wäre, wären dabei 50 bis 100 Tonnen Treibhausgas entstanden, schätzt er. "Wenige Minuten Betrieb eines Kohlekraftwerks hat dieselben Emissionen", sagt der Werkstofftechniker.
Eine offizielle Statistik darüber, wie häufig Windräder brennen, gibt es nicht. Der Bundesverband Windenergie sammelt aber in einer Liste, die dem #Faktenfuchs vorliegt, Medienberichte über Schäden an Windrädern. Seit 2006 hat der Verband hierzulande 73 Brände von Windrädern dokumentiert – also im Schnitt rund vier pro Jahr. Insgesamt sind in Deutschland laut Bundesverband Windenergie 2025 29.226 Windenergieanlagen an Land und 1.680 Windenergieanlagen im Meer am Netz.
Windkraft emittiert insgesamt vergleichsweise wenig CO2
Die EU verbietet in den nächsten Jahren schrittweise die Inbetriebnahme neuer Schaltanlagen mit SF6-Gas. Bestandsanlagen dürften aber in Betrieb bleiben, schreibt das Umweltbundesamt dem #Faktenfuchs.
Der Weltklimarat (IPCC) hat in seinem fünften Sachstandsbericht 2014 Studien über die Emissionen unterschiedlicher Stromerzeugungs-Arten über ihre gesamte Lebenszeit hinweg zusammengefasst. Wind an Land stößt demnach sieben bis 56 Gramm CO2-Äquivalente pro erzeugter Kilowattstunde Strom aus. Bei Kohle sind es 740 bis 910 Gramm, bei Gas 410 bis 650 Gramm, bei Solarkraft auf Dächern 26 bis 60 Gramm. Die Berechnungen für den CO2-Ausstoß der Atomkraft liegen weit auseinander, sie liegen dem IPCC zufolge zwischen 3,7 und 100 Gramm pro Kilowattstunde.
"Negatives Cherry-Picking" erweckt falschen Eindruck
Windkraft gehört also zu den Arten von Stromerzeugung, die am wenigsten Treibhausgase ausstoßen. Wieso behaupten einige Nutzer im Widerspruch dazu dennoch, SF6 mache die Klimabilanz der Windkraft zunichte? Carel Mohn, Mitgründer des Portals klimafakten.de, schreibt dem #Faktenfuchs auf Anfrage: "Natürlich verfolgen solche Behauptungen – noch dazu, wenn sie auf reale Ereignisse wie in Kitzingen rekurrieren, das Ziel, die Windkraft zu diskreditieren." Er erkennt darin zwei Methoden der Desinformation. Zum einen werde mit falschen, unrealistischen Erwartungen gearbeitet, "also der stillschweigenden Setzung, dass Windkraftanlagen nur dann gut sind, wenn sie keinerlei Umweltfolgen aufweisen und wenn das Brand- und Havarierisiko bei Null liegt". Zum anderen werde von einzelnen Ereignissen auf ein grundlegendes Problem gefolgert und das eigentliche Risiko im Vergleich mit anderen Technologien unterschlagen. "Negatives Cherry-Picking" nennt Mohn das.
Fazit
Aus dem brennenden Windrad bei Kitzingen entwich laut Betreiber und Landratsamt kein SF6-Gas. Die Schaltanlage mit dem hochpotenten Treibhausgas befand sich im Turmfuß, nicht in der Gondel an der Spitze des Windrads, die brannte. Windrad-Brände sind insgesamt selten. Der Bundesverband Windenergie dokumentiert im Schnitt rund vier Brände jedes Jahr.
Der Anteil von SF6 an allen Treibhausgas-Emissionen in Deutschland macht 0,28 Prozent aus. Davon entfällt nur ein kleiner Teil auf die Windkraft. Dreizehn Prozent des neu in den Verkehr gebrachten SF6 in Deutschland geht in den Energiebereich. In diesen Bereich fällt auch die Windkraft. Und: Laut Umweltbundesamt entweicht lediglich 0,1 Prozent des SF6 aus Mittelspannungs-Schaltanlagen im Betrieb pro Jahr.
Quellen:
Interviews/Presseanfragen
Anfrage beim Bundesverband Windenergie
Anfrage bei Carel Mohn, klimafakten.de
Anfrage bei Christian Franck, ETH Zürich
Anfrage bei Enercon
Anfrage beim Landratsamt Kitzingen
Anfrage beim Umweltbundesamt
Interview mit Fabian Rechsteiner, Fraunhofer IGCV
Veröffentlichungen
Amtsblatt der Europäischen Union: Verordnung (EU) 2024/573 über fluorierte Treibhausgase
BR24: "Wir konnten nichts tun": Darum brannte das Windrad aus
Bundesverband Windenergie: Windenergie in Deutschland - Zahlen und Fakten
Deutsche Windguard: Status des Offshore-Windenergieausbaus in Deutschland Jahr 2025
elektrofachkraft.de: Schaltanlagen
IPCC: Climate Change 2014: Mitigation of Climate Change. Annex III, Table A.III.2
Statistisches Bundesamt: Bezug des Treibhausgases Schwefelhexafluorid steigt im Jahr 2024 um 14,9%
Umweltbundesamt: EU-Verordnung über fluorierte Treibhausgase
Umweltbundesamt: Schaltanlagen
Umwelbundesamt: Schaltanlagen mit fluorierten Treibhausgasen
windturbinemap.com [Hinweis: Die Daten auf der Website werden 90 Tage verzögert angezeigt. Daher wird das betreffende Windrad noch als "In Betrieb" angezeigt.]
Wissenschaftliche Dienste des deutschen Bundestags: Schwefelhexafluorid
Disclaimer, 22.06.2026, 11:40: Im Abschnitt "Windräder in Deutschland brennen selten" und im Fazit haben wir einen Rechenfehler korrigiert. Dort hieß es ursprünglich: "Seit 2006 hat der Verband hierzulande 73 Brände von Windrädern dokumentiert – also im Schnitt etwa sieben pro Jahr." Tatsächlich sind es im Durchschnitt rund vier pro Jahr.
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