Darum geht's:
- Auf Social Media verbreitete Videoaufnahmen vom Schattenwurf eines Windrads sind echt, aber aus dem Jahr 2020. Sie stammen aus Belgien, nicht aus Deutschland.
- Schattenwurf von Windrädern tritt unter bestimmten Bedingungen auf und hängt von Faktoren wie Sonnenstand und Entfernung ab.
- In Deutschland gelten Grenzwerte sowie verpflichtende technische Maßnahmen wie automatische Abschaltungen, um Anwohner zu schützen.
Eine idyllische Gartenszene: grüner Rasen, ein Beet und ein großes Wohnhaus. Über Haus und Garten zieht jedoch immer wieder ein großer Schatten – verursacht von einem Windrad ganz in der Nähe des Hauses. Diese Aufnahmen kursieren gerade in sozialen Netzwerken.
Das Video ist echt, es zeigt jedoch weder eine Szene aus Deutschland, noch handelt es sich um einen Normalzustand. Das wird allerdings im Netz behauptet. Auf der Onlineplattform X schreibt ein User: "Diesen grünen Schwachsinn wüssen [sic] wir auf dem Land ertragen, während Grünversager in die Hände klatschen und sich gegenseitig feiern." Ein anderer X-User schreibt: "Wer will sich da bei schönen [sic] Wetter entspannt in die Sonne legen, grillen, oder sonst was. Da wirst Du doch irre im Kopf und gehst wieder rein."
Andere Nutzer behaupten dagegen, das Video sei gefälscht oder KI-generiert. So heißt es etwa: "Na den jahrealten Fake wieder ausgegraben….", schreibt ein User. Ein anderer schreibt: "Eins der weniger guten KI Videos." Als vermeintlicher Beleg wird häufig angeführt, der Schatten bewege sich falsch: "In diesem dummen, schlecht gefakten Video drehen sich die Flügel der sichtbaren Windräder genau anders herum, als die des Windrades, das den Schatten wirft…".
Das verbreitete Video eines Windrads ist echt, es handelt sich nicht um einen KI-Fake. Es zeigt aber keine Szene in Deutschland.
Einordnung: Video ist echt – aber von 2020 und aus Belgien
Um einen KI-Fake handelt es sich jedoch nicht. Das Video ist bereits älter und stammt aus einer Zeit, bevor KI-Programme Videos in guter Qualität erstellen konnten. Ursprünglich wurde die Aufnahme im März 2020 von einem Facebook-Nutzer aus dem belgischen Gent veröffentlicht. Der Clip wurde damals in einer lokalen Facebook-Gruppe geteilt, die sich gegen Windkraftanlagen in der Region aussprach. Bezüglich des Datums gibt es keine Hinweise, die dagegen sprechen, dass das Video im März 2020 aufgenommen wurde.
Der #Faktenfuchs konnte den genauen Aufnahmeort anhand eines Berichts in der belgischen Zeitung "Het Laatste Nieuws" sowie anhand von Satelliten- und Streetview-Aufnahmen von Kartendiensten nachvollziehen.
Aufnahmeort lässt sich genau nachvollziehen
Demnach befindet sich das Wohnhaus im Video in der Nähe von zwei Windkraftanlagen des belgischen Energieversorgers Engie Electrabel, die im gewerblichen Hafengebiet von Gent seit 2019 stehen. In unmittelbarer Umgebung des Hauses steht nur ein weiteres Wohngebäude, dahinter liegen überwiegend Felder. Auf Satellitenaufnahmen von März 2026 ist zu erkennen, dass sowohl das Haus, als auch die beiden Windräder weiterhin existieren. Der #Faktenfuchs hat den Anwohner und Urheber des Videos kontaktiert, bis Redaktionsschluss aber keine Antwort bekommen.
Es gibt auch sonst keine Hinweise darauf, dass das Video bearbeitet wurde. Die in sozialen Netzwerken verbreitete Behauptung, der Schattenwurf sei falsch, ist ebenfalls nicht haltbar. Am Ende des Videos ist das zweite, näher am Wohnhaus gelegene Windrad zu erkennen, das laut der Medienberichte etwa 300 Meter vom Haus entfernt steht. Das stimmt mit den Entfernungsdaten von "Google Earth" überein, die der #Faktenfuchs abgeglichen hat. Im Video ist ebenfalls zu sehen, dass die Sonne genau hinter den Rotorblättern des näheren Windrads steht. Der Schatten der im Video zu sehen ist, passt dazu.
Im Video zu sehen: Schattenschlag von Windrad
Das Phänomen, das im Video zu sehen ist, ist der sogenannte Schattenschlag von Windkraftanlagen. Dabei werfen die Rotorblätter bei tiefer stehender Sonne durch ihre Drehbewegung immer wieder Schatten auf ihre Umgebung. Der Effekt ist vor allem in den Morgen- und Abendstunden relevant, weil die Schatten dann besonders lang sind und weiter reichen können.
Wie stark der Schattenwurf eines Windrads ausfällt, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab: Neben des Sonnenstands im Tages- und Jahresverlauf gehören dazu auch die Ausrichtung der Rotoren, die Höhe der Anlage, sowie ihre Entfernung zu Gebäuden. In Belgien wie in Deutschland müssen Windräder einen bestimmten Abstand zu Wohnhäusern einhalten.
Abstände für Windräder: Unterschiedliche Regeln in Deutschland und Belgien
Wie groß dieser Abstand ist, variiert in Deutschland stark von Bundesland zu Bundesland: Oft gelten 700 bis 1.000 Meter als Richtwert, in Bayern wurde 2014 die 10H-Regel eingeführt, nach der das 10-Fache der Höhe des Windrades als Mindestabstand eingehalten werden musste. Diese Regel wurde jedoch mittlerweile eingeschränkt, sodass auch in Bayern oft 1.000 Meter Mindestabstand reichen.
In Belgien gab es lange keine festen Mindestabstände für Windräder. Stattdessen waren vor allem Lärm (je nach Gebiet und Tageszeit etwa 39 bis 60 Dezibel) und Schattenwurf geregelt. Erst seit 2025 gelten zusätzlich Richtwerte für Abstände: in der Regel mindestens 600 Meter, bei sehr großen Anlagen etwa das Dreifache der Höhe. Das Windrad aus dem Video wurde also errichtet, bevor es diese Abstandsregelung gab.
Unter bestimmten Bedingungen kann der Schatten eines Windrads mehrere hundert Meter oder mehr als einen Kilometer weit reichen. Laut Berechnungen des Bayerischen Landesamts für Umwelt werfen große Windkraftanlagen (200 m) morgens und abends einen Schatten bis etwa 1.400 m Entfernung – und könnten somit zu bestimmten Tages- und Jahreszeiten Wohnhäuser erreichen.
Maximaldauer: Schattenwurf in Deutschland klar geregelt
Um Beeinträchtigungen für Anwohner möglichst gering zu halten, ist der Schattenwurf von Windkraftanlagen mit einer Höhe von mehr als 50 Metern in Deutschland durch Vorgaben des Immissionsschutzrechts geregelt. Diese Vorgaben sehen vor, dass bereits im Genehmigungsverfahren von Windkraftanlagen eine sogenannte Schattenwurfprognose erstellt werden muss. Darin wird analysiert, wie sich der Schattenwurf auf die Umgebung auswirkt und wann sowie wie lange einzelne Gebäude im Jahresverlauf betroffen sein können.
Für Wohnhäuser gelten dabei konkrete Grenzwerte: Höchstens 30 Stunden pro Jahr und maximal 30 Minuten pro Tag darf das Windrad einen Schatten auf das Haus werfen.
Abschaltautomatik verhindert zu viel Schatten
Werden diese Werte in Simulationen überschritten, kann die Anlage nur unter Auflagen genehmigt werden. Das bedeutet in der Praxis dann, dass der Betreiber eine Abschaltautomatik installieren muss. So ein System erfasst den tatsächlichen Sonnenstand und die Drehbewegung der Rotoren und schaltet die Anlage automatisch ab, sobald der Schattenwurf die zulässige Dauer überschreitet.
Das Bayerische Landesamt für Umwelt bestätigte dem #Faktenfuchs, dass der Schattenwurf von Windrädern eng reguliert wird. Man könne wegen der Siedlungsstruktur im ländlichen Raum davon ausgehen, dass bei den meisten Windrädern Abschaltauflagen gelten.
Ähnliche Grenzwerte gelten übrigens auch in Belgien: In der Region Flandern, wo die Stadt Gent liegt und wo das Video aufgenommen wurde, dürfen seit 2011 Wohngebäude in Industriegebieten höchstens acht Stunden Schattenwurf pro Jahr ausgesetzt sein. Auch dort ein täglicher Höchstwert von 30 Minuten.
Brummen im Video kommt wohl von einer Gartenmaschine
Einige Nutzer kommentieren zudem ein lautes Brummen, wohl ein Motorengeräusch, im Video. Auf X schreibt etwa ein User: "Das ist doch nicht auszuhalten! Dazu kommt ja auch noch dieses seltsame Brummen! Das macht mit Sicherheit krank!"
Tatsächlich lässt sich das Geräusch jedoch plausibel anders erklären: Im Video ist eine rote, motorbetriebene Gartenfräse zu sehen – also eine benzinbetriebene Motorhacke, die zum Umgraben von Beeten oder Feldern eingesetzt wird. Solche Geräte erzeugen beim Betrieb ein deutlich hörbares, vergleichbares Brummen, wie in anderen Videos solcher Geräte im Netz zu sehen und hören ist. Im Video ist auch zu erkennen, wie sich der Motor der Fräse leicht bewegt, was darauf hindeutet, dass er während der Aufnahme lief.
Zum Vergleich: Geräusche von Windkraftanlagen in einigen hundert Metern Entfernung klingen in der Regel deutlich anders – eher wie ein gleichmäßiges Rauschen oder wie ein "Wusch"-Geräusch der Rotorblätter. Selbst in rund 250 bis 300 Metern Entfernung sind sie typischerweise weniger dominant und klingen nicht wie ein lauter Motor.
Fazit
Das verbreitete Video eines Windrads ist echt, es handelt sich nicht um einen KI-Fake. Es zeigt aber keine Szene in Deutschland, wie User fälschlicherweise annehmen. Stattdessen hat es ein belgischer Nutzer aus Gent bereits 2020 veröffentlicht. Der im Video sichtbare Schattenwurf ist ein reales Phänomen, das vor allem bei tief stehender Sonne auftritt und von mehreren Faktoren wie Entfernung, Anlagenhöhe und Sonnenstand abhängt.
In Deutschland wird der Schattenschlag im Genehmigungsverfahren genau berechnet und durch gesetzliche Vorgaben begrenzt – unter anderem auf maximal 30 Minuten pro Tag und 30 Stunden pro Jahr, notfalls durch eine verpflichtende automatische Abschaltung der Anlagen. Auch in Belgien gibt es entsprechende Regeln zu Schattenwurf und Lärm, allerdings wurden feste Mindestabstände dort erst 2025 eingeführt.
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