Das norwegische Nobelpreiskomitee hat einmal mehr alle überrascht. Weltweit hatten Friedensforscher, Nachrichtenagenturen und Wettbüros andere Favoriten auf der Liste, von der Hilfsorganisation "Emergency Response Rooms" aus dem Sudan bis zu Papst Leo XIV. Nun geht die wohl bedeutendste Auszeichnung der Welt an eine Juristin mit herausgehobenen Karriere-Stationen, doch mit – außer in Fachkreisen – wenig bekanntem Namen: Navanethem "Navi" Pillay.
Ein besonderer Bezug zu Nürnberg
Pillay wurde 1941 im südafrikanischen Durban als Tochter indisch-tamilischer Eltern geboren. Während des Jura-Studiums las sie auch Dokumentationen der Nürnberger Prozesse nach Ende der nationalsozialistischen Diktatur. Dass hier einzelne führende Köpfe für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Verantwortung gezogen wurden, hat ihr Rechtsverständnis geprägt. Passenderweise wurde die 85-jährige von der Nachricht ihrer Auszeichnung bei einer Tagung in Nürnberg überrascht.
"Dass Navi Pillay von dieser wichtigen Auszeichnung ausgerechnet im Nürnberger Saal 600 erfahren hat, wo vor 80 Jahren die Nürnberger Prozesse stattfanden, ist für uns hier in Nürnberg ein besonders bemerkenswerter und erfreulicher Zufall", sagte Katrin Kinzelbach, Professorin für Menschenrechtspolitik, BR24 in einer ersten Reaktion.
"Wir hatten die Preisträgerin wiederholt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zu Gast und sie war für unsere Studierenden stets ein leuchtendes Vorbild", so Kinzelbach. Sie habe Pillay als "sehr erfahrene, reflektierte, strategisch agierende und inspirierende Menschenrechtsaktivistin" kennengelernt, "die sich auch nicht scheut, schwierige Themen anzusprechen".
Der "rote Faden" durch Pillays Leben
Das Nobelkomitee in Oslo spricht in seiner Preisbegründung von einem "roten Faden", der sich durch Pillays Karriere zieht. Sie habe "Staaten und nationale Führungskräfte zur Rechenschaft gezogen und Opfern von Gewalt und Konflikten Hoffnung gegeben", so der Vorsitzende des Komitees, Jørgen Watne Frydnes. Durch Pillays Mitwirkung seien auch sexuelle Gewalt und Vergewaltigung sowie die Verbreitung von Propaganda als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord anerkannt worden.
Als junge Anwältin hatte Navi Pillay vor allem Gegner des Apartheid-Regimes in Südafrika vertreten. Ihre internationale Karriere war von drei Stationen geprägt: Sie war Richterin am Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda zur Aufarbeitung des Völkermords von 1994, wurde 2003 Richterin in der Berufungskammer am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und 2008 zur UN-Hochkommissarin für Menschenrechte berufen. Ab 2021 leitete Pillay die UN-Untersuchungskommission für die besetzten palästinensischen Gebiete und Israel. In ihrem Bericht von 2025 werden sowohl der radikalislamischen Hamas als auch israelischen Verantwortlichen des Militäreinsatzes im Gazastreifen Kriegsverbrechen vorgeworfen.
Ein indirekter Seitenhieb gegen Trump
Auch wenn das Nobelkomitee dies nicht ausdrücklich benennt – die Preisvergabe an Navi Pillay kann in vielen Details als Signal in Richtung USA verstanden werden. Vor der diesjährigen Preisvergabe hatte Präsident Donald Trump die Auszeichnung einmal mehr für sich selbst beansprucht. Nun warnt das Nobelkomitee in seiner Preisbegründung vor einer "Entwicklung hin zu einer Machtpolitik auf Kosten rechtlicher Rahmenbedingungen und des weltweiten Respekts vor Recht und Gerechtigkeit." Navi Pillay hat nicht nur unter anderem in Harvard studiert, der US-Eliteuniversität, die Trump besonders ins Visier genommen hat. Pillay war vor allem Richterin am Internationalen Strafgerichtshof, den Trump boykottiert und am liebsten abschaffen will. Auch als UN-Menschenrechtskommissarin war Pillay in einem Amt, das Trump eher missachtet.
Die Erlanger Professorin Katrin Kinzelbach drückt es gegenüber BR24 so aus: "Zu einer Zeit, in der das internationale Menschenrechtssystem unter starkem Druck steht – nicht nur, aber auch weil der amerikanische Präsident einen regelrechten Feldzug gegen die Vereinten Nationen und den internationalen Strafgerichtshof führt – setzt das Nobelpreiskomitee ein klares Zeichen, dass internationale Organisationen und universelle Menschenrechte weiterhin unverhandelbar sind."
USA verhängen nach Nobelpreis Sanktionen gegen IStGH
Nur wenige Stunden nach der Verkündung des Friedensnobelpreises haben die USA neue Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) verhängt. Das Haager Tribunal verurteilte das US-Vorgehen und nannte die Sanktionen einen "Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit und auf die Grundlagen der internationalen Rechtsordnung". Deutschland, mehrere weitere westliche Länder und die EU stellten sich hinter das Gericht.
Im Video: Friedensnobelpreis für Navanethem Pillay
Friedensnobelpreis für Navanethem Pillay
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