Sowjetische Militärmützen, eine Fahne mit der russischen Aufschrift "Nach Berlin" und eine weitere mit dem russischen Wort für "Sieg" - das war unter anderem am 9. Mai auf dem Nürnberger Südfriedhof zu sehen, als sich etwa 700 Menschen versammelten, um den "Tag des Sieges" der Sowjetunion über Nazi-Deutschland zu begehen. Die dort gezeigten Fahnen haben zum Teil einen historischen Bezug zum Zweiten Weltkrieg. Aber auch zum Ukraine-Krieg?
Weltkriegsgedenken legitim
Im Zweiten Weltkrieg kamen 27 Millionen Bürger der Sowjetunion ums Leben, 13 Millionen Soldaten und 14 Millionen Zivilisten. Der Nürnberger Osteuropa-Historiker Helmut Altrichter spricht in diesem Zusammenhang von einem "irrsinnigen Blutzoll". Insofern sei ein Gedenken an diese Verluste und den Sieg über Nazideutschland legitim. Altrichter hat mehrere Bücher über die Sowjetunion geschrieben und stand lange im Austausch mit Wissenschaftlern aus Russland – inzwischen nicht mehr. Die russische Propaganda benutzt seiner Ansicht nach Erzählungen und Symbole aus der Vergangenheit, um den gegenwärtigen Angriff auf die Ukraine zu rechtfertigen.
Umdeutung der Geschichte
Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg werde instrumentalisiert, sagt der Historiker. "Jetzt soll im putinschen Russland dieser Krieg im Zweiten Weltkrieg dafür benutzt werden, um den eigenen Krieg gegenüber der Ukraine zu rechtfertigen." Und zwar mit dem Narrativ, dass man 1945 Nazis bekämpft habe und nun – so die russische Propaganda – wieder in der Ukraine. Dadurch bekämen auch die auf dem Nürnberger Südfriedhof gezeigten Symbole eine andere Bedeutung, sagt der Politikwissenschaftler Anton Himmelspach, Redakteur und Geschäftsführer von dekoder.org. Er könne nicht beurteilen, wie die Träger der Flaggen mit der Aufschrift "Sieg" oder "Nach Berlin" denken. Aber genau diese Wörter mit historischen Bezügen würden aktuell in der russischen Propaganda verwendet, um das Feindbild gegenüber dem Westen zu befeuern.
Georgsband und Flaggen als Propagandawerkzeuge?
Auf dem Nürnberger Südfriedhof wurde auch das schwarz-orange gestreifte Georgsband verteilt. Ursprünglich ist es ein historisches, militärisches Abzeichen. Im Zweiten Weltkrieg diente es als Auszeichnung für militärische Tapferkeit. Der russische Staat nehme es nun aber als Propagandasymbol, sagt Anton Himmelspach. Deshalb sei es seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 dort und in baltischen Staaten verboten. Auch der Historiker Helmut Altrichter sieht es als Zeichen dafür, dass man die Politik Putins unterstützt: "Dass jemand sagt, ich bin Putin-Gegner, aber ich trage das Georgsband, das kann ich mir nicht vorstellen", sagt Altrichter.
Alle Versammlungsteilnehmer Putin-Anhänger?
Sind die Teilnehmenden der Gedenkveranstaltung nun Putin-Anhänger? Im Gespräch zeigen sich unterschiedliche Facetten. Eine Frau mit grüner Militärmütze sagt, dass Russland und Ukraine zusammengehörten. Zu dem Einwand, dass die Ukraine sich gegen den Angriff Russlands verteidige, habe sie eine andere Meinung. Aber dort war auch eine Ukrainerin, die mit ihrem Mann zum Andenken an dessen Großvater gekommen ist. Die Ukrainerin sagt, dass eindeutig Russland mit dem Angriff auf die Ukraine begonnen habe. Sie und ihr Mann hätten Geflüchtete aus der Ukraine immer unterstützt. Mit den russischen Flaggen, die auch auf dem Nürnberger Südfriedhof geschwenkt wurden, habe sie kein Problem.
Nostalgie und Vergangenheitsverklärung
Für manche, die sich das Georgsband anstecken oder Flaggen schwenken, sei das einfach auch Folklore, sagt Anton Himmelspach und meint die Sowjetnostalgie. Himmelspach sieht darin auch eine Verklärung der Sowjetunion, einer besonders unter Josef Stalin brutalen Diktatur. Ob man nun Symbole wie das Georgsband verbieten soll? Der Historiker Helmut Altrichter hält das nicht für sinnvoll. Er plädiert dafür, aufzuklären, damit die Gesellschaft die Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart versteht – vor allem in der osteuropäischen Geschichte.
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