Die zehn Schülerinnen aus Tansania spielen Klatschspiele mit ihren Gastgebern am Kurt-Huber-Gymnasium in Gräfelfing. Nach einer Woche sprechen sie dabei schon fast genauso akzentfrei Deutsch wie ihre Gastgeber. Während die Gäste Deutschland kennenlernen, entdecken die Jugendlichen aus Bayern ein Afrika, das viele ihrer Vorstellungen auf den Kopf stellt.
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Der Besuch zeigt, wie sich die Idee des Schüleraustauschs verändert hat: Ging es nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem um die Aussöhnung mit europäischen Nachbarländern wie Frankreich oder Polen, stehen heute globale Begegnungen und gegenseitiges Verständnis im Mittelpunkt.
Schüleraustausch verändert den Blick auf die Welt
Wie schnell dabei Vorurteile verschwinden können, erleben beide Seiten. Die tansanische Schülerin Faraja Kelvin Mgani hatte Deutschland als dicht besiedeltes Industrieland mit viel Luftverschmutzung erwartet. Stattdessen habe sie überrascht, wie grün das Land sei und wie viele Bäume es gebe.
Umgekehrt staunte die Gräfelfinger Schülerin Annie Schober bei ihrem Besuch an der Partnerschule in Emmaberg. "Man denkt ja immer: Tansania, das ist ein warmes Land", sagt sie. Tatsächlich hätten sie auf dem Berg "fünf Schichten Pullis" getragen.
Auch der Alltag überraschte die Jugendlichen. Die Partnerschule ist ein Internat der evangelischen Kirche. Der Tag beginnt dort um vier Uhr morgens, Handys sind nicht erlaubt, gelernt wird bis in den Abend. "Sie lernen sehr viel, also sehr, sehr fleißige Schülerinnen", sagt Annie. Ihren Mitschüler Josef Seidensticker beeindruckte vor allem die Disziplin. Er glaube nicht, dass er einen so straffen Tagesablauf durchhalten würde.
Begegnung statt Klischees
Für Schulleiter Daniel Rohnfelder liegt genau darin der Wert solcher Begegnungen. Schülerinnen und Schüler lernten nicht aus Büchern, sondern im direkten Kontakt, wie Menschen in anderen Ländern leben, lernen und denken. Dadurch entwickelten sie Verständnis füreinander und blickten mit anderen Augen auf die Welt.
Die Partnerschaft bleibt dabei nicht bei gegenseitigen Besuchen. Gemeinsam wurden unter anderem Upcycling-Projekte umgesetzt und Solarpaneele für die Schule in Emmaberg aufgebaut. Schülerinnen und Schüler aus Bayern halfen beim Aufbau, heute sorgen die Solaranlagen dort für Strom im Unterricht. Nach Angaben der Schule war es über den Partnerschaftsverein außerdem für einzelne Jugendliche möglich, ihre Schulzeit zu beenden, deren Familien das Schulgeld zeitweise nicht mehr bezahlen konnten.
Auch für die Jugendlichen in Gräfelfing sei der Austausch eine wichtige Lernerfahrung, sagt Schulpfarrerin Andrea Rückert. Viele Kinder und Jugendliche nähmen Schule hier als selbstverständlich wahr. Erst die Begegnung mit Gleichaltrigen in Tansania mache ihnen bewusst, dass gute Bildung, ausreichend Bücher oder kleine Klassen keine Selbstverständlichkeit seien, sondern Privilegien.
Warum solche Austausche heute wichtiger werden
Für Schulleiter Rohnfelder reicht die Bedeutung solcher Schulpartnerschaften deshalb weit über den Unterricht hinaus. Gerade in einer Zeit, in der Populismus und Ausgrenzung zunähmen, seien persönliche Begegnungen wichtiger denn je.
"Wir merken, dass Populismus und Rechtsradikalismus einfach sehr viel an Fahrt gewonnen haben", sagt der Schulleiter. "Und gerade da ist so eine internationale Begegnung Gold wert, um zu sensibilisieren, dass das Fremde eben nicht schlecht ist, dass wir hier miteinander Projekte stemmen können, dass wir voneinander profitieren und uns nicht gegenseitig ausgrenzen sollten."
Für die Jugendlichen aus Gräfelfing und Emmaberg ist aus der Schulpartnerschaft inzwischen mehr geworden als ein Austauschprogramm. Aus anfänglicher Neugier sind Freundschaften entstanden, die auch zwischen den Besuchen per E-Mail weiterleben. Damit erfüllt der Schüleraustausch bis heute seine ursprüngliche Idee: Menschen über Grenzen hinweg miteinander ins Gespräch zu bringen.
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