Sebastian Karl hat seinen Großvater nie kennengelernt. Dabei hätte er gerne vieles von dem Spitzensportler Martin Karl erfahren, dem Goldmedaillengewinner von 1936. Der siegte damals im deutschen Vierer auf der Regatta-Strecke in Berlin-Grünau. Sein Team hatte die Konkurrenz, darunter etwa die Schweizer und die Engländer, besiegt. Kurz nachdem die deutschen Ruderer die Ziellinie passiert hatten, zeigte Martin Karl den Hitlergruß. Das ist in einem historischen Filmdokument von Leni Riefenstahl, der heute umstrittenen Filmemacherin jener Zeit, zu sehen.
Schwieriges Erbe für den Würzburger Ruderverein
Ein Siegerfoto der Olympia-Ruderer hängt heute noch im Saal des Würzburger Rudervereins, bei dem der junge Karl damals Mitglied war. Man sieht die vier Sportler aus Würzburg hinter dem bereits überreichten Lorbeerkranz in ihrem Boot sitzen: Willi Menne, Martin Karl, Toni Rom und Rudi Eckstein. Der Verein hält die Erinnerung an die erfolgreichen Leistungssportler immer noch hoch.
Der schnellste Vierer ohne Steuermann – nach wie vor eine Legende. Doch die Kehrseite der glänzenden Goldmedaille sind die jüdischen Sportler, die damals von den Vereinen ausgeschlossen wurden. Viele von ihnen mussten fliehen oder kamen ins Konzentrationslager.
Enkel des Gold-Ruderers will mehr über die Hintergründe wissen
Sebastian Karl ist ein Enkel des Gold-Ruderers von 1936. Er forscht nun zu den Hintergründen seines Großvaters. War Martin Karl wirklich ein überzeugter Nazi? Auf der Suche nach Antworten nimmt der Nachfahre das Team von Kontrovers – Die Story mit. Er findet Fotos, auf denen sein Großvater mit Adolf Hitler zu sehen ist, "mit Stolz geschwellter Brust", wie es Sebastian Karl empfindet. Er sucht auch in den Datenbanken über die NS-Zeit, die jetzt online zugänglich sind und findet den Namen seines Großvaters problemlos. Doch es stellt sich heraus, dass dieser zwar im Jahr 1937 einen Antrag auf Mitgliedschaft bei der NSDAP gestellt hatte, dieser jedoch ein Jahr später zurückgezogen wurde.
Tragische Geschichte um jüdischen Sportskameraden des Großvaters
Das Geheimnis rund um den Parteimitgliedsantrag kann der Enkel Sebastian Karl bis heute nicht lüften. Bei seinen Recherchen stößt er aber auf die Geschichte des jüdischen Ruderers Ernst Ruschkewitz, den sein Großvater wohl kannte. Denn auch er war damals im Würzburger Ruderverein aktiv – bis er wie andere jüdische Sportler ausgeschlossen wurde. Um sein Leben zu retten, flüchtete Ruschkewitz damals in die Niederlande. Doch auch dort war er nicht in Sicherheit, er wurde deportiert. 1945 starb er schließlich in einem Außenlager des KZ Buchenwald, kurz vor der deutschen Kapitulation. Seine Familie überlebte die Shoa ebenfalls nicht.
Wie sein Großvater mit dieser Geschichte umgegangen wäre, fragt sich dessen Enkelsohn heute, doch er kann es nicht mehr herausfinden. Auch der Gold-Ruderer Martin Karl kam bereits in jungen Jahren zu Tode, an der Ost-Front - mit 30 Jahren.
Transparenz-Hinweis:
Astrid Freyeisen ist Enkelin des Trainers des Würzburger Gold-Vierers von 1936, Wolfgang Freyeisen. Ihre eigene Familiengeschichte und die Rolle ihres Großvaters im NS-Regime werden ausführlich in der BR-Podcaststaffel "Die Entscheidung – Mein Opa, die Nazis und Olympia" erzählt.
Zum Audio: "Die Entscheidung – Mein Opa, die Nazis und Olympia"
Olympia 1936
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