Schülerinnen des Würzburger Rudervereins arbeiten Alben aus der NS-Zeit durch
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Schülerinnen des Würzburger Rudervereins arbeiten Alben aus der NS-Zeit durch.
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Junge Ruderinnen erforschen die NS-Zeit ihres Würzburger Vereins

Junge Ruderinnen erforschen die NS-Zeit ihres Würzburger Vereins

Im Würzburger Ruderverein Bayern hängt seit Jahrzehnten ein großes Foto: Olympia-Gold 1936, der bislang größte Erfolg des Vereins – errungen in der NS-Diktatur. Fünf junge Ruderinnen recherchieren gemeinsam mit dem Enkel eines Goldruderers.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Im August jährt sich Olympia 1936 zum 90. Mal. Für den Würzburger Ruderverein Bayern (WRVB) ist das ein ambivalentes Datum: Vier Ruderer des Vereins gewannen damals Gold im Vierer ohne Steuermann – bei den Spielen in der Diktatur der Nationalsozialisten. Wie wird heute daran erinnert?

Eine offizielle Aktion war dieses Jahr zunächst nicht vorgesehen. Dann entschied Rudertrainer Roland Händle, eine historische Recherche mit dem Vereinsnachwuchs anzugehen: fünf Ruderinnen im Alter von elf und zwölf Jahren – Lara, Luisa, Raphaela, Emma und Lisa. Die fünf wollten in ihrer Schule ein Referat zu Olympia 1936 halten und dafür im Bootshaus nach Dokumenten und Bildern aus der Zeit suchen. Im April dieses Jahres haben sie dort Sebastian Karl getroffen, einen der Enkel des Olympiasiegers Martin Karl.

Olympia-Bild von 1936 ohne Erklärung

Die Gruppe steht zunächst vor einem riesigen Foto im Vereinsraum: der Moment nach dem Olympiasieg 1936. Vier junge Männer im Boot, erschöpft, aber zufrieden, ein Lorbeerkranz im Heck. "Das ist schon krass, wenn man sich überlegt, dass unser Verein bei Olympia war", staunt eine der Schülerinnen. Eine Hinweistafel auf den politischen Kontext gibt es nicht. Der Verein begründet das auf Anfrage damit, dass bereits Artikel in Festzeitschriften veröffentlicht wurden und dass es im Verein wenig Ehrenamtliche gibt, die sich daher auf Training und die Nachwuchssuche konzentrieren müssten.

Besenkammer als "Archiv"

Die eigentliche Spurensuche beginnt in einer "Besenkammer", dem improvisierten Archiv des WRVB. In einem Schrank liegen vergilbte Vereinshefte, lose Fotos, Fotoalben. Sebastian Karl zeigt den Mädchen seinen Großvater Martin auf einem Foto. Die jungen Ruderinnen finden Aufnahmen von dem Rennen und der Rückkehr nach Würzburg: Ruderer und Trainer im offenen Cabrio, Menschenmengen, Hakenkreuzfahnen an den Häusern.

Sport und Propaganda

Den Schülerinnen wird anhand der Bilder klar, wie eng sportlicher Triumph und NS‑Symbolik verknüpft waren. Das IOC, das Internationale Olympische Komitee, hatte sich im Vorfeld der Spiele vom Regime Garantien geben lassen, dass die Olympische Charta eingehalten würde. Es hat daher das 1931 an Berlin vergebene Olympia in Deutschland belassen – in einem Land, das bereits Konzentrationslager errichtete. Ausführlich hören Sie die Hintergründe in der BR-Podcaststaffel "Die Entscheidung – Mein Opa, die Nazis und Olympia".

Jüdische Ruderer: Flucht und Ermordung

Zwischen den Fotos tauchen Bilder jüdischer Vereinsmitglieder auf. Eines ist von Alfred Otto Haas, der in Würzburg ruderte und nach 1933 fliehen musste. Die elf- und zwölfjährigen Ruderinnen suchen nach Worten. Lara, Luisa und die anderen haben den Nationalsozialismus im Unterricht offiziell noch nicht behandelt. Ein weiterer junger Mann, zu sehen auf einem alten Foto auf einer Wanderfahrt, ist Ernst Ruschkewitz, ebenfalls jüdischer Ruderer. Ihm gelang es nicht, sein Leben durch eine Flucht zu retten. Er wurde 1945 im Konzentrationslager Buchenwald ermordet. Auch seine Familie überlebte die Shoah nicht.

Olympia 1936 – und 2036?

In diesem Herbst bewirbt sich Deutschland erneut um Olympische Spiele, unter anderem für 2036 – 100 Jahre nach Berlin 1936. Sebastian Karl sagt: "Ich würde unserem Land Deutschland heutzutage zutrauen, dass es das neutral, weltoffen und liberal durchführt." Aber wegen der immensen historischen Hypothek sieht er es trotzdem nicht ganz unkritisch, sich für Olympische Spiele 2036 zu bewerben: "Ich könnte es verstehen, wenn man es nicht macht."

Vom Bootshaus ins Klassenzimmer

Zwei Wochen nach dem Treffen im Bootshaus präsentieren die WRVB-Ruderinnen ihre Ergebnisse in ihrer 6. Klasse im Würzburger Deutschaus-Gymnasium: Sie zeigen Fotos vom Olympiasieg, von der Propagandafahrt durch die Stadt – und von jüdischen Ruderern, die fliehen mussten oder getötet wurden. In der anschließenden Diskussion zeigt sich ein Mitschüler, Hannes, bestürzt. Hannes findet es "krass, dass Hitler den Sport nur für seine Propaganda genutzt hat". Und ergänzt: "Eigentlich ist Sport doch dazu da, um Frieden zu machen."

Transparenz-Hinweis:

Astrid Freyeisen ist Enkelin des Trainers des Würzburger Gold-Vierers von 1936, Wolfgang Freyeisen. Ihre eigene Familiengeschichte und die Rolle ihres Großvaters im NS-Regime werden ausführlich in der BR-Podcaststaffel "Die Entscheidung – Mein Opa, die Nazis und Olympia" erzählt.

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