Hitze macht älteren Menschen besonders zu schaffen. Längere Zeiträume mit hohen Temperaturen, die vor allem auch nachts nicht ausreichend sinken, können lebensbedrohlich werden.
Datenanalyse für Bayerns größte Hitzeregion
Dass aber gerade die Umgebungen von Senioren- und Pflegeheimen besonders hitzebelastet sind, zeigt eine Datenrecherche des Bayerischen Rundfunks und der Tageszeitung Main-Post (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt) am Beispiel Unterfranken, Bayerns trockenster und oftmals heißester Region. Hier werden die Auswirkungen des Klimawandels und der aktuellen Hitzewellen besonders deutlich – etwa an der zunehmenden Zahl von Hitzetagen und Tropennächten:
- Zur Datenanalyse: Juni 2026 in Bayern: Noch nie so viele Tropennächte
Das Rechercheteam untersuchte Satellitendaten (Oberflächentemperaturen) aus den Jahren 2020 bis 2025 und sammelte die Standorte von 160 Wohn- und Pflegeeinrichtungen für ältere Menschen in Unterfranken. Details zu Daten und Methode finden Sie am Ende des Artikels.
Karte: Mehr als die Hälfte der Heime liegt in Hitze-Hotspots
Mit 86 Einrichtungen liegt mehr als die Hälfte in einem Hitze-Hotspot. Diese Orte gehörten von 2020 bis 2025 in jedem Jahr zu den 20 Prozent der Flächen mit den höchsten mittleren Oberflächentemperaturen tagsüber im Sommer:
Bei der Ermittlung der Hotspots wurde das Rechercheteam von Tobias Leichtle vom Deutschen Fernerkundungsdatenzentrum (DFD) am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) begleitet. Der Wissenschaftler und seine Kollegen arbeiten in ihrem aktuellen Projekt EO4CAM (externer Link) daran, hochauflösende Satelliten- und andere Erdbeobachtungsdaten in einem bayernweiten Datenportal zu sammeln.
Satellitendaten ermöglichen flächendeckende Betrachtung
"Die Oberflächentemperatur, die wir über Satelliten messen, ist kein direktes Maß für die Lufttemperatur – aber ein wertvoller Indikator, um Hitzeinseln in einer Region zu erkennen", erklärt Leichtle. "Ihr entscheidender Vorteil liegt in der flächendeckenden Erfassung." Damit sei es möglich, Auswirkungen auf das tägliche Leben systematisch zu bewerten.
So zeigen die Daten beispielsweise stark versiegelte oder dicht bebaute Gebiete an. Oberflächen wie Asphalt oder Beton heizen sich tagsüber besonders stark auf. Nachts geben sie die gespeicherte Wärme nur langsam ab – die Lufttemperatur bleibt hoch. Eng stehende Gebäude verhindern Abkühlung durch Zugluft. Aber auch der kühlende Effekt von Gewässern und Grünflächen wird über die Oberflächentemperatur sichtbar.
Finden Sie hier Beispiele in Ihrer Umgebung!
Die höchsten Oberflächentemperaturen in der Umgebung eines Heimes für Ältere finden sich um das Haus Elsava in Elsenfeld. Doch hier ist man auf die Hitze besser vorbereitet als in anderen Einrichtungen.
Spezieller Beton und Wasserleitungen gegen die Hitze
In den Geschossdecken des erst 2022 erbauten Heimes liegen Rohre, durch die bei Bedarf Kühlwasser geleitet werden kann. Der spezielle Beton gibt die Veränderung zügig in die Raumluft ab. "So kann man die Temperatur im Gebäude auf 26 Grad runterkühlen – auch in extremen Hitzeperioden", sagt Geschäftsführer Bruno Bernhard.
Effektivste Maßnahmen: dämmen, Schatten schaffen, begrünen
Solche baulichen Maßnahmen sind für Hans-Peter Ebert vom "Center for Applied Energy Research" (CAE) in Würzburg die erste Wahl, wenn es um effektiven Hitzeschutz geht. Ebenfalls dazu zählten etwa eine gute Gebäudedämmung, dreifach verglaste Fenster und Sonnenschutz-Elemente wie Jalousien und Rollläden.
"Zu den nachhaltigsten und zugleich ökologisch sinnvollsten Maßnahmen gehören begrünte Fassaden und Dächer, idealerweise kombiniert mit Photovoltaikanlagen", sagt der Fachmann. "Die Begrünung verschattet das Gebäude, reduziert den solaren Wärmeeintrag und verbessert gleichzeitig das Mikroklima im unmittelbaren Umfeld." Würden sie mit Photovoltaik kombiniert, könne der erzeugte Strom zudem für den energieeffizienten Betrieb einer Klimaanlage genutzt werden.
Hohe Kosten für baulichen Hitzeschutz
Allerdings sind solche Maßnahmen – besonders für ältere Bestandsgebäude – oft schwer umzusetzen und teuer. Die 200.000 Euro für die Kühlanlage im Haus Elsava trug der Eigentümer laut Geschäftsführer Bruno Bernhard zum großen Teil selbst.
Für das Juliusspital Seniorenstift in der Würzburger Innenstadt sieht einer der Einrichtungsleiter, Oberpflegamtsdirektor Karsten Eck, eine solche Investition als absolut unrealistisch an. Neben mobilen Klimageräten und Rollos kommen hier einfachere Methoden zum Einsatz: kühle Getränke, leichte Bewegung in die Morgenstunden verlegen, Spaziergänge durch den heimeigenen Garten.
"Wenn Sie in einem so chronisch unterfinanzierten Bereich sind, ist es schwierig, Eigenmittel aufzubringen – wir versuchen hier im Seniorenstift, mit schwarzer Null zu arbeiten", so Eck. "Eine hundertprozentige Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen wäre extrem wünschenswert."
Expertin warnt vor Folgen von Hitze für ältere Menschen
Professorin Elke Hertig, die an der Universität Augsburg zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit forscht, warnt: "Ältere Menschen sind besonders verwundbar bei Hitze, weil die Thermoregulation nicht mehr so gut funktioniert. Sie haben außerdem oft Herzkreislauf-Vorerkrankungen, dann kommt der Hitzestress obendrauf und das ist sehr gefährlich."
Besonders groß werde dieser Hitzestress, wenn die Temperaturen auch nachts hoch bleiben und dem Körper die benötigten Ruhepausen fehlen.
Grafik: In welchen Hitzebereichen liegen Wohn-und Pflegeeinrichtungen?
Gesundheitsministerium sieht Heimträger in der Pflicht
Auf Anfrage des Rechercheteams antwortet das Bayerische Gesundheitsministerium, dass laut Gesetz die Träger der Einrichtung verpflichtet seien, "geeignete Maßnahmen zum Schutz vor hitzebedingten Gesundheitsgefahren zu treffen." Kosten für Hitzeschutzmaßnahmen könnten, so ein Ministeriumssprecher, auf die Bewohnerinnen und Bewohner umgelegt werden.
Allerdings gebe es Unterstützung von der Staatsregierung. Etwa durch Informationsmaterialien, aber auch durch Fördergelder für die (klimafreundliche) Modernisierung von Pflegeeinrichtungen. Zwischen 2020 und 2025 seien insgesamt fast 9.000 Pflegeplätze mit rund 410 Millionen Euro gefördert worden.
Klimaresilienter Umbau laut Bauministerium Zuständigkeit der Kommunen
Das Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr schreibt auf Anfrage, dass für die Planung und Finanzierung von Maßnahmen zum klimaresilienten Umbau von Städten und Gemeinden in erster Linie die Kommunen selbst zuständig seien. Aber auch hier helfe die Staatsregierung mit Fördermitteln, vor allem aber im Rahmen von Modellprojekten.
Über die Gefahr von Hitze in Pflegeheimen berichtet am Abend auch das ARD Politikmagazin report München.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
