Einmal zugelassen - und dann praktisch für immer? Die EU will Pestizid-Regeln lockern. Unsere Datenanalyse zeigt: Prüfungen haben riskante Stoffe vom Markt gebracht. Wir treffen Betroffene und fragen: Wie gefährlich sind die neuen Pläne?
Einmal zugelassen - und dann praktisch für immer? Die EU will Pestizid-Regeln lockern. Unsere Datenanalyse zeigt: Prüfungen haben riskante Stoffe vom Markt gebracht. Wir treffen Betroffene und fragen: Wie gefährlich sind die neuen Pläne?
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Einmal zugelassen - und dann praktisch für immer? Die EU will Pestizid-Regeln lockern. Wir fragen: Wie gefährlich sind die neuen Pläne?
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Einmal zugelassen - und dann praktisch für immer? Die EU will Pestizid-Regeln lockern. Wir fragen: Wie gefährlich sind die neuen Pläne?

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Streit um Pestizide – weniger Bürokratie, mehr Risiko?

Streit um Pestizide – weniger Bürokratie, mehr Risiko?

Die EU will Pestizid-Regeln lockern: Einmal zugelassen, sollen regelmäßige Kontrollen entfallen. "Kontrovers – Die Story" spricht mit Betroffenen: Wie gefährlich sind diese neuen Pläne? Und wem würde die neue Regelung helfen?

Über dieses Thema berichtet: Kontrovers am .

Manches fällt dem 73-jährigen Hans Naßl inzwischen besonders schwer. In Deutenhofen im Landkreis Dachau hat der Landwirt 40 Jahre lang seine Felder bestellt. Dabei spritzte er auch Pestizide – wie viele andere ohne Schutzanzug und ohne große Vorsichtsmaßnahmen, erzählt er in der Kontrovers-Story.

Erst viele Jahre später, als Naßl es nicht weiter verdrängen kann, fragt er sich: Woher kommt das Zittern in seiner Hand? Er sei dann halt mal zum Doktor gegangen, erinnert er sich: "Der hat festgestellt: Parkinson. Da ist bei mir eine Welt zusammengebrochen."

Auch andere Landwirte leiden unter Parkinson. Seit wenigen Monaten ist Parkinson durch Pestizide bei Landwirten in Deutschland als Berufskrankheit anerkannt. Wer wie Hans Naßl nachweisen kann, intensiv und ungeschützt Kontakt mit Pestiziden gehabt zu haben, bekommt Hilfe.

Die Kontrovers-Story im Video: "Kampf um Pestizide"

Pestizide: EU-weit streng reguliert

Inzwischen ist der Einsatz von Pestiziden in der EU streng geregelt: Eine Zulassung gibt es für maximal 15 Jahre. Dann müssen die Pflanzenschutzmittel ein neues Zulassungsverfahren durchlaufen. Nicht mehr zugelassene Pestizide dürfen höchstens 18 Monate weiterverwendet werden. Das soll jetzt geändert werden.

Landwirt Hermann Greif aus Pinzberg bei Forchheim sieht das positiv: Auf etwa 30 Hektar baut er konventionell Obst und Getreide an, setzt Pestizide ein. Die sind für eine gute Ernte wichtig, denn sie schützen die Pflanzen vor Schädlingen. Doch gegen einige Schädlinge bekommt der Landwirt keine Pflanzenschutzmittel mehr. Greif erklärt: "Wir haben eine ganze Menge neuer Wirkstoffe in der Pipeline, die zurzeit gar nicht geprüft werden können, weil unsere Prüfinstitute permanent in dieser Schleife drinnen hängen."

Landwirtschaft könnte von vereinfachter Zulassung profitieren

Die EU-Kommission möchte den Einsatz von Pestiziden in Europa erleichtern und hat dafür ein beschleunigtes Gesetzgebungsverfahren auf den Weg gebracht: den sogenannten "Omnibus zur Lebens- und Futtermittelsicherheit". Damit soll die automatische Überprüfung der Pestizide nach der ersten Zulassung wegfallen: Einmal genehmigte Pestizide sollen in Zukunft zeitlich unbegrenzt zugelassen werden. Nicht mehr zugelassene Pestizide sollen dann 36 Monate weiterverwendbar sein. Wiederholt geprüft würden nur noch Stoffe, die schon heute als besonders problematisch gelten. Außerdem kann die Kommission eine anlassbezogene Überprüfung anordnen, wenn neue Risiken bekannt werden.

Anfang September wurde im Europaparlament in einer öffentlichen Anhörung über den "Omnibus" beraten. Bis zur finalen Abstimmung über das Gesetz werden wohl noch einige Monate vergehen.

Verbraucher- und Umweltschützer kritisieren geplantes Gesetz

Verbraucher- und Umweltschutzorganisationen in ganz Europa hingegen halten die geplante Regelung für bedenklich. Die Auswirkungen von Pestiziden sind sogar an der Zugspitze messbar. Moritz Tapp vom Umweltinstitut München zeigt in der Kontrovers-Story die Messstation auf dem Schneefernerhaus in fast 3.000 Metern Höhe, weit über den höchsten Ackerbauflächen Bayerns. Darin sammeln sich Rückstände von Pestiziden. Es konnten unter anderem Rückstände von Glyphosat gemessen werden. "Wenig überraschend, das Pestizid wird einfach immer noch unfassbar viel eingesetzt", findet Tapp.

Pestizide verbreiten sich kilometerweit über die Luft. Die Folgen für Mensch und Umwelt sind noch weitgehend unklar: "Wir haben das Problem, dass wir dieser Belastung über unser gesamtes Leben hinweg in der Atemluft, im Essen, im Wasser im Zweifel ausgesetzt sind", sagt Moritz Tapp.

Wissenschaft warnt vor EU-Plänen

Auch Experten warnen vor einer Deregulierung des Pestizidrechts. Darunter die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Sie führt unter anderem an, dass wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse zu Nebenwirkungen von Pestiziden erst nach der Zulassung entstehen. Denn Pestizide vernichten nicht nur Unkraut, Pilze oder Schädlinge. Sie belasten auch die Umwelt – und sind eine der Hauptursachen für den Rückgang der Artenvielfalt.

Ein umstrittenes Beispiel der Vergangenheit: Neonicotinoide, eine Gruppe hochwirksamer Pestizide, die extrem schädlich für Bienen sind. 2018 hat die EU eine Reihe dieser Neonicotinoide verboten – Jahre, nachdem sie zugelassen worden waren.

Eine Analyse von BR Data kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Bei rund 240 Pestizid-Wirkstoffen stand seit 2011 ein Wiederzulassungsverfahren an. 54 dieser Wirkstoffe sind inzwischen verboten, weil sie für Grundwasser, Tiere oder Menschen problematisch sind.

Als Hans Naßl Pestizide ausgebracht hat, wusste man noch nicht, wie gefährlich das sein kann. Mit den Konsequenzen muss er leben: Parkinson ist nicht heilbar. Der Verlauf kann nur verlangsamt, die Symptome gelindert werden. Darum hofft er aus eigener Erfahrung, dass es bei den jetzigen Schutzstandards bleibt und einmal zugelassene Pestizide auch weiterhin standardmäßig geprüft werden.

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