Vor zwei Wochen sind alle dort untergebrachten Kinder vom Jugendamt Oberallgäu in Obhut genommen worden.
Vor zwei Wochen sind alle dort untergebrachten Kinder vom Jugendamt Oberallgäu in Obhut genommen worden.
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Seit mehr als zwei Jahren dient dieses Haus im Oberallgäu als heilpädagogische Einrichtung für bis zu zehn Kinder und Jugendliche.
Bildrechte: BR/Noah Vaca Weber
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Seit mehr als zwei Jahren dient dieses Haus im Oberallgäu als heilpädagogische Einrichtung für bis zu zehn Kinder und Jugendliche.

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Kindeswohlgefährdung? Kinder aus Oberallgäuer Heim geholt

Kindeswohlgefährdung? Kinder aus Oberallgäuer Heim geholt

Vor zwei Wochen hat das Jugendamt Oberallgäu alle dort untergebrachten Kinder aus einem privaten Heim geholt. Es geht um Erziehungsmethoden, die mutmaßlich das Wohl der Kinder gefährden. Jetzt hat sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Schwaben am .

Das große Haus im Oberallgäu wirkt verlassen. Mehrere Rollläden an dem dreistöckigen Gebäude sind heruntergelassen. Hinter der gläsernen Eingangstür steht eine Spielküche, daneben einige Kindersitze und eine Plastikkiste mit Spielsachen. So als würde gerade jemand ausziehen. Dann tritt eine Person auf den Balkon, macht kurz ein Foto von den BR-Reportern und verschwindet sofort wieder. Auf Klingeln und Nachfragen reagiert niemand.

Tätigkeitsverbot für die Leiterin

Bis vor zwei Wochen haben in dem Heim sechs traumatisierte Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren aus ganz Deutschland gelebt. Am 17. April wurden sie vom Jugendamt abgeholt und in Obhut genommen. Der Grund für die drastische Maßnahme laut den Behörden: fragwürdige Erziehungsmaßnahmen im Heim. Der pädagogischen Leiterin hatte die Regierung von Schwaben als Heimaufsicht bereits Anfang März ein Tätigkeitsverbot erteilt. Jetzt klärt die Behörde einen möglichen Widerruf der Betriebserlaubnis für die heilpädagogische Jugendhilfeeinrichtung.

Inzwischen hat sich auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Es werde geprüft, ob ein Anfangsverdacht einer Straftat gegeben ist, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Kempten BR24 mit. Ein Vorermittlungsverfahren sei eingeleitet worden.

Hilferufe aus dem Heim

Was war passiert, sodass alle Kinder aus dem Heim geholt wurden? Die Behörden sprechen von kindeswohlgefährdenden Erziehungsmethoden in der Einrichtung, wollen bei den Vorwürfen aber nicht weiter ins Detail gehen. Sie begründen das mit dem Schutz der Kinder. Nachbarn berichten dem BR von Kindern, die immer wieder weggelaufen sind. Die Polizei bestätigt 29 Einsätze wegen vermisster Kinder in den vergangenen zweieinhalb Jahren. Einmal soll sich ein Mädchen aus dem obersten Stockwerk mit aneinander geknoteten Bettlaken abgeseilt haben und weggelaufen sein. BR24 liegt ein entsprechendes Foto vor. Auch sollen immer wieder Hilferufe von Kindern aus dem Haus zu hören gewesen sein.

Grenzen zur Misshandlung überschritten?

Beim zuständigen Jugendamt Oberallgäu ist auf Nachfrage so viel zu erfahren: Traumatisierte Kinder könnten durch Stresssituationen oder bestimme Trigger in Ausnahmezustände kommen. Vom totalen Rückzug bis zum kompletten Ausrasten ist die Rede. In solchen Fällen gebe es einen traumapädagogischen Ansatz: Durch das Setzen starker Reize sollten die Kinder ins Hier und Jetzt zurückgeholt werden. Allerdings: Die Grenze zwischen dem, was dem Kind in so einer Situation helfe und dem, was ihm schade, sei fließend. In dem Heim soll laut dem Jugendamt der Grat in Richtung psychischer oder physischer Misshandlung in letzter Zeit häufiger überschritten worden sein. Etwa, wenn Kinder festgehalten wurden, um sie zurückzuholen.

Mitarbeiter informieren die Heimaufsicht

Laut einem Insider aus dem Heim habe sich die Situation in den vergangenen Monaten zunehmend verschärft. So sei es im vergangenen Dreivierteljahr immer wieder zu Vorfällen gekommen, die seiner Ansicht nach nicht in Ordnung waren. Ab Anfang dieses Jahres gab es aus der Einrichtung auch laut dem Jugendamt vermehrt Meldungen so genannter besonderer Vorkommnisse. "Im Februar dieses Jahres haben uns erste Hinweise von ehemaligen Mitarbeitern erreicht", teilt die Regierung von Schwaben mit. Sie ist die zuständige Heimaufsichtsbehörde.

Jugendamt zieht die Reißleine

Daraufhin gab es in der Einrichtung laut den Behörden mehrere Vor-Ort-Termine und Gespräche mit der Heimaufsicht, dem Jugendamt, der Leitung und den Mitarbeitenden. Anfang März verhängte die Regierung von Schwaben gegen die pädagogische Leitung ein Tätigkeitsverbot, das inzwischen vom Verwaltungsgericht Augsburg in einem Eilverfahren bestätigt wurde. Nachdem sich die Situation in dem Heim aber nicht deutlich besserte, zog das Jugendamt Oberallgäu am 17. April die Reißleine und holte alle sechs Kinder aus dem Heim. Die Einrichtung darf bis auf Weiteres ohne Genehmigung der Regierung keine Kinder mehr aufnehmen.

Heim und Betreiber schon anfangs in der Kritik

Das private Heim existiert seit mehr als zwei Jahren. Schon vor der Inbetriebnahme sorgten das Haus und sein Träger – die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH – für Kritik. Im Hintergrund steht der Verein "Mission Freedom" aus Hamburg, dem in der Vergangenheit mehrfach ein fundamentalistisch-christliches Weltbild nachgesagt wurde. Wegen dieser religiösen Ausrichtung und Zweifeln an der fachlichen Eignung des Trägers hatte das Jugendamt Oberallgäu damals massive Bedenken an einer Zulassung für das Heim angemeldet.

Trotzdem erhielt der Betreiber im August 2023 die Betriebserlaubnis. Diese hätte erteilt werden müssen, weil der Träger einen gesetzlichen Anspruch auf eine Betriebserlaubnis hat, wenn die entsprechenden gesetzlichen Voraussetzungen gegeben seien, heißt es von der Regierung von Schwaben dazu. Zum Zeitpunkt des Erlasses der Betriebserlaubnis sei das der Fall gewesen.

Weltanschauung spielte keine Rolle – Betreiber schweigt zu Vorwürfen

Bei den aktuellen Vorwürfen gegen das Heim habe die weltanschauliche Ausrichtung der Einrichtung allerdings keine Rolle gespielt. Das betonen die Regierung und das zuständige Jugendamt auf Nachfrage. Der Betreiber selbst – die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH – hat sich nach mehreren Anfragen bei BR24 mit einer Stellungnahme zurückgemeldet. "Grundlage unseres Handelns bilden die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen", heißt es darin. "Unsere Leistungserbringung erfolgt unter der Aufsicht der Heimaufsicht und orientiert sich konsequent an den festgelegten fachlichen Prozessen." Zu den Vorwürfen an sich äußerte sich der Träger auf Nachfragen des BR bislang aber nicht weiter. Die sechs Kinder sind inzwischen in anderen Einrichtungen oder Pflegefamilien untergebracht.

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