Vermutlich noch nie hat Dieter Reiter so schwer eine Bühne betreten wie an diesem Abend in der SPD-Geschäftsstelle am Münchner Oberanger. Erst eine Stunde zuvor hatten die Wahllokale ihre Türen geschlossen, noch längst waren nicht alle Stimmen ausgezählt, aber es war schon klar: Dieser Abend wird für Reiter und die Münchner SPD übel enden. Katastrophe? Desaster? Historische Niederlage? Die stärksten Superlative schienen gerade stark genug.
Reiter: "Letzter Tag meiner politischen Karriere"
Schon beim ersten Trend lagen Reiter und sein Herausforderer, der bisherige Zweite Bürgermeister Dominik Krause von den Grünen, knapp 20 Prozentpunkte auseinander: 59,1 Prozent für Krause, nur 40,9 Prozent für den Amtsinhaber. Reiter wartete deshalb auch nicht, bis das vorläufige Endergebnis feststand. Um kurz nach 19 Uhr trat er vor seine Partei und die Presse, gratulierte dem Gewinner – und verkündete sein Karriereende: "Das ist heute der letzte Tag meiner politischen Karriere."
Mit brechender Stimme und zusammengepressten Lippen
Seine kurze Ansprache kostete Reiter allem Anschein nach enorme Überwindung. Er schien sich so zusammenreißen zu müssen, dass er kaum mehr deutlich sprechen konnte – zum Schluss brach ihm beinahe die Stimme. Von einem "bitteren Abend" sprach er: "Ich hab`s verbockt, es ist meine Schuld." Er gratulierte Krause und endete mit den Worten: "Es war mir eine Ehre, hier in dieser Stadt OB gewesen sein zu dürfen." Und dann: "Das wars von mir, vielen Dank." Die Fotos seines Abgangs sprachen Bände: gebeugter Kopf, zusammengepresste Lippen, sein Profil als Schatten auf der roten Wand mit der Aufschrift "Team SPD".
Eine weitere SPD-Ära endet
Reiters Niederlage ist nicht nur eine unter vielen an diesem Stichwahl-Abend. Sie ist eine Zäsur für die Stadt – und die Partei. Seit 1984 regierten in München durchgehend "rote" Oberbürgermeister und trotzten damit lange dem Abwärtstrend der Bayern-SPD, mit 17 Sitzen derzeit die kleinste Partei im Bayerischen Landtag. Damit ist es jetzt vorbei – am selben Abend, an dem auch in Rheinland-Pfalz eine SPD-Ära zu Ende ging: Seit 1991 hatte sie dort durchgehend den Ministerpräsidenten gestellt, nun gewann die CDU.
Erster Wahlgang: 35 statt 45 Prozent
Das Wahlergebnis war für Reiter und die Münchner SPD sicher ein Schock - aber ein Schock mit Ansage. Schon der erste Wahldurchgang am 8. März war völlig anders gelaufen als erwartet: Obwohl ihm Wochen zuvor noch 45 Prozent prognostiziert worden waren, kam Reiter nur auf 35,6 Prozent der Stimmen – Krause lag mit 29,5 Prozent nicht weit zurück.
Reiters größtes Problem: Der FC Bayern
Doch die Tage vor der Wahl waren für Reiter rein gar nicht so gelaufen, wie man es sich als Wahlkämpfer wünscht: Zuerst fiel ihm sein Engagement beim FC Bayern auf die Füße, beginnend mit Diskussionen darüber, ob sein neuer Sitz im Aufsichtsrat nicht einen Interessenskonflikt bedeute. Dann wurde bekannt, dass Reiter für seine Aufgabe als Verwaltungsbeirat seit Ende 2021 eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 10.000 Euro pro Halbjahr bekommen hatte, ohne dafür eine Genehmigung des Münchner Stadtrates zu haben. Reiter entschuldigte sich und legte kurz nach der Wahl seine Mandate beim FC Bayern nieder – doch vermutlich hat ihm der Umgang mit der Causa FC Bayern nachhaltig geschadet.
Streitpunkt in der Stadt: Tempo 30 oder Tempo 50?
Auch bei anderen Themen war es für Reiter zuletzt nicht rund gelaufen – etwa beim Streit, ob für saubere Luft auf einem Abschnitt des Mittleren Rings nun Tempo 30 oder doch Tempo 50 gefahren werden darf. Zuletzt hatte die Stadt gerade erst die Tempo-30-Schilder abmontiert und durch Tempo-50-Schilder ersetzt. Als der Verwaltungsgerichtshof der Stadt die Entscheidung nicht durchgehen lassen wollte und wegen "Eilbedürftigkeit" auch eine Beschwerde dagegen ablehnte, sprach Reiter auf Instagram vom "Tempo-30-Irrsinn" und äußerte Unverständnis gegenüber der Gerichtsentscheidung. Das kam nicht überall gut an.
Wahlkampf half nicht mehr
Trotzdem: Reiter hatte den Warnschuss gehört. In den zwei Wochen vor der Stichwahl gab er als Wahlkämpfer alles – manche sagten: so viel wie noch nie. Er verteilte Rosen, stand an Wahlkampfständen und ließ sich für unendlich viele Selfies ablichten. Er nahm sich Urlaub und ließ seinen Herausforderer Krause die Amtsgeschäfte führen, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, Amt und Wahlkampf zu vermischen. Gerettet hat es ihn nicht. Krause wird in Zukunft nicht nur dann Oberbürgermeister sein, wenn Reiter Urlaub hat - sondern die kommenden sechs Jahre dauerhaft.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!
