Feiernde Menschen in einer Kneipenmeile
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Wenn in Würzburgs Kneipenmeile gefeiert wird, beginnt bei den Anwohnern der Frust! Mitten drin: die Nachtmediatoren der Stadt.
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Wenn in Würzburgs Kneipenmeile gefeiert wird, beginnt bei den Anwohnern der Frust! Mitten drin: die Nachtmediatoren der Stadt.

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Lärm, Urin, Erbrochenes: Unterwegs auf Würzburgs Partymeile

Lärm, Urin, Erbrochenes: Unterwegs auf Würzburgs Partymeile

Die Sanderstraße ist Würzburgs Ballermann: 15 Kneipen auf 300 Metern. Es wird getrunken, gegrölt, gefeiert. Die Folgen: Urin in den Hauseingängen, Erbrochenes auf dem Pflaster. Um der Lage Herr zu werden, hat die Stadt Nachtmediatoren angestellt.

Über dieses Thema berichtet: BR24 vor Ort am .

Auf der Würzburger Feiermeile geht es am Wochenende hoch her. Während die Menschen schon in und vor den Bars und Clubs feiern, rüsten sich Jenifer Gabel und ihr Team für die kommende Nacht. Unter dem Motto "Miteinander feiern & leben" ziehen die Mediatoren, vorwiegend Studenten, durch die Würzburger Partyzone. Sie sollen zwischen Anwohnern und Partygästen vermitteln. In der Sanderstraße gibt es oft Ärger und jede Menge Müll. In den Seitengassen stinkt es nach Urin und Erbrochenem. Die dunklen Ecken sind auch bei Liebespaaren beliebt.

Anwohnerin in Würzburg: "Ein Bach von Urin" in Kneipenmeile

In einer Seitengasse der Kneipenmeile lebt Irmgard Münch. Der Lärm der Partygäste raubt der 85-jährigen den Schlaf. Doch das toleriert sie, mit den Hinterlassenschaften der Feiernden dagegen hat sie ein Problem. "Am schlimmsten ist das Erbrochene", erzählt die Seniorin. Bei großen Festen fließe durch ihre Gasse außerdem regelrecht "ein Bach von Urin". Die 85-jährige macht den Dreck weg und greift vorsorglich zu ungewöhnlichen Mitteln. Mit einer Gießkanne spritzt sie Wasser an die Wand, simuliert Urin. Das schreckt Wildpinkler ab, denn die wollen nicht in einer stinkenden Pfütze stehen, weiß Irmgard Münch.

Spuckbeutel für stark alkoholisierte Partygäste

Mehrere Anwohner hatten sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder bei der Stadt beklagt. Einige Familien sind sogar weggezogen. Seit 2022 gibt es das Projekt "Miteinander leben & feiern". An den Wochenenden ziehen nun Mediatoren durch die Feiermeile und Nebenstraßen. Sie sollen bei Streit schlichten und zwischen Anwohnern und Partyvolk vermitteln. Jenifer Gabel leitet das Projekt.

Plakate, Gespräche, Spuckbeutel für stark alkoholisierte Gäste – und sogar mit Überlegungen zu einem Speziallack für die Hauswände, der Urin auf die Verursacher zurück spritzen soll. Die Idee klingt kurios, zeigt aber, wie groß der Handlungsdruck inzwischen ist. Denn besonders die Reibeltgasse, unter den Würzburgern auch "Pissgasse" genannt, macht ihrem Namen alle Ehre. "Ich habe in einer Nacht mal am Rand gestanden und gezählt. Ich hatte 40 Wildpinkler", sagt Jenifer Gabel.

Im Video: Mit welchen Mitteln verärgerte Anwohner und Nacht-Mediatoren gegen Wildpinkler vorgehen

"Nette Toiletten" für alle

Die Wirte versuchen vieles, um die Straßen sauber zu halten. Die Toiletten in den Bars und Kneipen sind meist öffentlich, so dass sich keiner auf der Straße entleeren müsste. "Nette Toilette" nennt sich das Angebot. Zudem säubern auch einige Wirte die Würzburger Feiermeile, so auch Stefan Mußmächer. "Wir machen dann wirklich die Kotze weg", sagt er. Mit Wasser, Schrubber und viel Überwindung. Trotz allem verteidigt er die Sanderstraße: "Wo gehobelt wird, da fallen Späne!" Die Forderung nach einer Sperrstunde sei der falsche Weg, so Mußmächer. "Das wäre für viele Betriebe das Aus." Denn die Gäste kämen inzwischen deutlich später. Die Gastronomen brauchen die lange Partynacht zum Überleben.

Nachtmediatoren appellieren an Vernunft der Menschen

Je später der Abend, desto voller werden die Straßen – und desto enthemmter der Umgang mit Alkohol. Für viele Feiernde ist genau das Teil des Plans. Eine Gruppe aus Hessen bringt es auf den Punkt: "Wir haben jetzt Bock, uns richtig einen reinzufahren." Jenifer Gabel kennt die Folgen. Sie appelliert mit ihren Nachtmediatoren an die Vernunft und bittet um Rücksicht auf die Anwohner. Auch gewisse Regeln sollen die Situation entschärfen. Wildpinkeln kostet 55 Euro. Und nach 23 Uhr schließt die Außengastronomie, es herrscht zudem ein Nachtfahrverbot in der Sanderstraße.

Teure Nachmediatoren: Was bringen sie?

30 Euro die Stunde gibt es für die Mediatoren. Zu viert ziehen sie an den Partynächten los. Trotz klammer Haushaltslage finanziert Würzburg das Projekt "Miteinander leben & feiern". Die Spuren der Feiernden sind nicht ganz verschwunden. An vielen Stellen stinkt es weiterhin nach Erbrochenem und Urin. "Die Stammgäste sind weitgehend einsichtig", meint Jenifer Gabel. "Doch es strömen ständig neue Feierlustige in das Nachtleben, die aufgeklärt werden müssten."

Anwohnerin Irmgard Münch ist jedenfalls dankbar, dass sie die Mediatoren als Ansprechpartner hat. Auch andere Städte, wie München beispielsweise engagieren Nachtmediatoren.

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