In der Logopädiepraxis in Neuburg an der Donau geht es Schlag auf Schlag: Zwei Therapiestunden, fünfzehn Minuten Pause, dann die nächsten drei – und das nur bis zur Mittagspause. Das ist für Logopädin Veronika Janeski Alltag: "Es ist wirklich viel, es ist immer viel zu tun." Um alles vorzubereiten, beginnt ihr Arbeitstag lange vor der ersten Therapie. Das Frustrierende: "Von den Kassen kriegen wir leider nur die reine Therapiestunde bezahlt und nur einen kleinen Beitrag für die Dokumentation."
Mitten in diesem Takt sitzt die fünfjährige Eva. Sie trägt ein Cochlea-Implantat (CI), eine elektronische Hörprothese. Jede Woche entscheidet eine Dreiviertelstunde Logopädie darüber, wie gut sie im Leben zurechtkommen wird. Doch der Weg dorthin war lang: Ihre Mutter musste schon ein Dreivierteljahr vor der großen Kopf-Operation auf Platzsuche gehen. "Da geht man dann auch Klinken putzen und sitzt auf glühenden Kohlen", berichtet Magdalena Pfister.
Die Reißleine gezogen: Flucht aus der Vollzeit
Veronik Janeski kennt den Druck – von der anderen Seite. Nach der Ausbildung arbeitete sie zunächst Vollzeit in einer Praxis: 40 Therapiestunden pro Woche plus unbezahlte Organisation im Feierabend. Nach der Geburt ihrer zwei Kinder war das nicht mehr leistbar. Um nicht auszubrennen, erfand sie ihren Arbeitsalltag neu.
Heute arbeitet sie in Teilzeit fest in einer Klinik – wegen der geregelten Arbeitszeiten, so Janeski: "Es ist alles ein bisschen klarer strukturiert – du gehst hin, stempelst ein, stempelst aus." Weil sie die persönliche Bindung zu den Patienten in der Praxis aber schätzt, arbeitet sie zusätzlich einen Tag in der Logopädiepraxis auf Minijob-Basis – es ist ein Spagat.
Wie groß de Not ist, zeigt auch Ella. Sie ist eine "Springerpatientin" und rutscht nach, wenn jemand absagt. Die Eltern müssen maximal flexibel sein. Mutter Elke Hartl: "Es ist einfach auch so ein Druck da, weil man weiß, das Kind kommt bald in die Schule und man möchte, dass sich dann bis zum Schuleintritt schon etwas verbessert."
Mangelberuf im veralteten Gesetz
Seit 2018 steht die Logopädie auf der offiziellen Liste der Mangelberufe. Laut dem Bundesverband der Logopädie braucht es im Durchschnitt 132 Tage, bis eine freie Stelle neu besetzt wird.
Stephan Olbrich vom Verband sieht folgende Gründe: "Im ambulanten Bereich sind wir immer noch nicht in der Lage, Löhne zu bezahlen, die über das Niveau von 70 Prozent vom öffentlichen Dienst, was die Gehaltsstruktur angeht, hinausgeht. Unser Berufsgesetz ist fürchterlich veraltet, das ist aus dem Jahr 1980. Das wäre ungefähr so, als würde man nach den Kriterien der frühen 50er Jahre die Führerscheinprüfung machen."
Akademisierung als Lösung?
Eine weitere Forderung des Verbands ist die vollständige Akademisierung des Berufs: "Es gibt über zwölf verschiedene Ausbildungsrichtungen mit am Ende unterschiedlichen Titeln, da müsste dringend mal aufgeräumt werden", so Olbrich. In vielen Punkten stimmt Veronika Janeski überein, doch die Akademisierung der Logopädie sieht sie kritisch: "Das ist zwar gut für unser Ansehen, das Problem ist aber, dass viele nicht in der Praxis bleiben, sondern in die Forschung gehen, weil sie dort mehr verdienen. Die Praxisinhaber können keinen Unterschied machen. Denn: Ob Uni oder nicht – die Kasse zahlt nicht mehr."
Trotzdem brennt Janeski für ihren Beruf: "Es gibt mir so viel Menschlichkeit zurück und das treibt mich immer mehr an. Sprache ist der Schlüssel für alles, für die Kommunikation, für die Außenwelt." Doch dieser Schlüssel braucht Geduld: Die Warteliste der Praxis ist 16 DinA4 Seiten lang, täglich kommen neue Anfragen rein. Und hinter jedem Namen steckt ein Mensch, der auf Hilfe hofft.
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