Im Würzburger Stadtteil Hubland, der sich von einem Gelände der US-Armee zu einem Zentrum für Spitzenforschung entwickelt hat, sitzen Menschen in einem Büro und starren auf Müll. Müll auf dem Bildschirm – das mag so manchen an Privatfernsehen erinnern, Stichwort "Trash-TV", doch in diesem Fall ist das Müll-Gucken gewinnbringend. Denn die Menschen hier trainieren eine KI. Ihre Software soll dank der Analyse tausender Bilder von Unrat so klug werden, dass sie Müll am laufenden Band identifizieren und schließlich sortieren kann.
Zu Elektro-"Schrott" soll es nicht kommen
Das Problem ist hausgemacht: Rund die Hälfte des Elektroschrotts in Bayern wird nicht offiziell recycelt, sondern landet über den Restmüll oder Gelben Sack schließlich auf dem Fließband von Recycling-Unternehmen. Genau dort will das Würzburger Startup "WeSortAI" die gefährlichen Akkus aufspüren. Die Würzburger bringen Maschinen bei, Akkus im Müll zu "sehen", um sie dann rechtzeitig herauszufischen.
Eine Kamera scannt dafür alle Stoffe, die auf dem Fließband ungefähr so schnell vorbeilaufen, wie der Durchlauf in einer Druckpresse. Innerhalb einer halben Sekunde entscheidet die KI des Start-Ups, was potenziell gefährlich ist. Dann schießt eine Düse die "Störstoffe", zum Beispiel Akkus aller Art, in einen Sonderbehälter.
30 Brände pro Tag wegen falsch entsorgter Akkus
Laut dem Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft kommt es bundesweit allein wegen falsch entsorgter Batterien und Akkus zu bis zu 30 Bränden am Tag. Die Kosten für die Reparaturen sind immens. Der Verband spricht gar von einer "Plage der Entsorgungswirtschaft". Allein zwischen 2012 und 2019 hat sich die Anzahl der nach Deutschland importierten Lithium-Ionen-Batterien und -Akkus fast vervierfacht.
Löschen von Akkus braucht viel Wasser
Um die Gefährlichkeit von kaputten Lithium-Ionen-Akkus zu demonstrieren, jagt die Freiwillige Feuerwehr Volkach mit einem Druckluftkompressor mehrere Nägel in ausrangierte Akkus. Nach einem Kurzschluss werden die Zellen stark entladen und entzünden sich. Funken schießen in alle Richtungen, in der Stichflamme entstehen Temperaturen von über 500 Grad sowie giftige Rauchgase.
Erst vor ein paar Monaten habe die Feuerwehr in Volkach mit großem Aufwand den Akku eines E-Bikes gelöscht, erzählt Kommandant Moritz Hornung. Dazu habe man viel mehr Wasser als herkömmlich gebraucht. Dass die großen Akkus, wie die eines E-Autos, gar nicht zu löschen seien, sei allerdings auch eine Mär, so Hornung. Es sei nur komplizierter.
Brennender Müll: Ein teures Geschäft für Versicherer
Wenn Müllfahrzeuge, Sortieranlagen oder Recyclinghallen wegen falsch entsorgter Akkus brennen, sind es meist Industrieversicherer, die zahlen – organisiert im GDV, dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Gerade für die Versicherer sind Lithium-Ionen-Brände ein teures Massenphänomen geworden.
Der GDV fordert daher zum Beispiel ein Verbot von Einweg-Vapes mit Lithium-Ionen-Akkus. Das gebe es bereits in den Nachbarländern Belgien und Frankreich. Außerdem befürwortet der Verband gemeinsam mit Feuerwehren ein Pfandsystem für Batterien und Akkus. Zusätzlich müssten Unternehmen dringend beim Brandschutz investieren. Mit Technologie aus Würzburg?
Anlage sortiert 12,5 Kilo Elektromüll pro Stunde aus
In Albstadt in Baden-Württemberg ist eine der Würzburger Maschinen bereits im Einsatz. Etwa zwölfeinhalb Kilo Elektromüll pro Stunde werden dort aussortiert. Die Brände in der Anlage hätten sich dabei laut den Angaben von "WeSort.AI" um ca. 90 Prozent reduziert.
Dabei sieht Co-Gründer Nathanael Laier durch den Einsatz von KI im Recycling noch viel mehr Potenzial Etwa im Bauschutt-Recycling oder Kunststoff-Recycling. Aus alten Akkus könne man noch viel mehr gewinnen: kritische Rohstoffe etwa, die nur mühsam und teuer abzubauen sind. Das gelinge nur, wenn man systematisch erkennt, welche Stoffe im Müll landen, bevor sie einfach verbrannt werden.
In einer Finanzierungsrunde hat das vor vier Jahren gegründete Start-up jetzt zehn Millionen Euro von Investoren eingesammelt [externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt]. Noch dieses Jahr sollen sechs weitere Anlagen zum Einsatz kommen.
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