Es ist eigentlich eine gute Nachricht für die regionale Wirtschaft: Der Zulauf zu den Meisterkursen ist laut Handwerkskammer (HWK) Niederbayern-Oberpfalz in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Allerdings bringt diese erfreuliche Entwicklung auch Schwierigkeiten mit sich.
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Mehr als 1.000 neue Handwerksmeister pro Jahr
In vielen Berufen wachsen die Teilnehmerzahlen nach Angaben der Handwerkskammer um fünf bis zehn Prozent jährlich. Pro Jahr schließen in der Region Niederbayern/Oberpfalz derzeit rund 1.200 Handwerkerinnen und Handwerker einen Meisterkurs ab. Besonders gefragt sind unter anderem Anlagenmechaniker für Sanitär‑, Heizungs‑ und Klimatechnik, Zimmerer sowie Land‑ und Baumaschinenmechatroniker.
Wer Meister werden will, sollte lange vorplanen
In einigen dieser Berufe kommt es inzwischen zu Wartezeiten von bis zu drei Jahren, bis ein neuer Kurs starten kann. Betroffen ist vor allem der praktische Teil der Meisterausbildung. Dort werden gut ausgestattete Werkstätten, Maschinen und ausreichend Ausbilder benötigt – Kapazitäten, die sich nicht kurzfristig ausbauen lassen, erklärt Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der HWK Niederbayern‑Oberpfalz.
Schmidt betont zugleich die positive Seite: Der starke Zulauf zeige, dass viele junge Leute Verantwortung übernehmen wollen – für Betriebe, Mitarbeitende und Ausbildung. Damit sei der Meister ein wichtiger Baustein im Kampf gegen den Fachkräftemangel. Mittelfristig plant die Kammer zusätzliche Werkstätten und Standorte. Außerdem rät sie, die Meisterausbildung früh zu planen und sich rechtzeitig anzumelden.
Betrieb plötzlich ohne Meister
Wie sich der Boom bei der Meisterausbildung konkret auch negativ auswirken kann, erlebt Alexander Dieß aus Roding im Landkreis Cham. Der 19‑jährige Malergeselle arbeitet im Familienbetrieb: Die Firma gibt es seit 1894, gegründet hat sie sein Ur‑Großvater, auch Opa und Vater waren dort Meister. Eigentlich hätte Alexander noch Zeit gehabt, erst einmal Berufserfahrung zu sammeln. Doch 2021 starb sein Vater – Firmenchef und Meister – plötzlich.
Für die Familie ist das ein Schock – und für den Betrieb eine kritische Lage: In vielen handwerklichen Berufen ist ein Meister im Unternehmen Pflicht, etwa für bestimmte Arbeiten oder für die Ausbildung von Lehrlingen. Um den Betrieb weiterführen zu können, stellte die Familie einen angestellten Meister ein, der seitdem die fachliche Verantwortung übernimmt. Alexander arbeitet als Geselle mit.
Für ihn ist aber klar: Wenn er den Betrieb langfristig übernehmen will, braucht er den eigenen Meistertitel. Anfang 2026 meldete er sich daher bei der Handwerkskammer in Regensburg für den Meisterkurs an. Die Antwort: Der Kurs ist auf längere Sicht voll, er landet auf der Warteliste. Nach heutigem Stand kann er voraussichtlich erst 2028 mit dem Meisterkurs starten.
IHK: Mehr Industriemeister und Fachwirte
Auch die Industrie‑ und Handelskammer (IHK) verzeichnet steigende Teilnehmerzahlen. Besonders deutlich ist das bei Industriemeistern in Metall und Elektrotechnik sowie bei Fachwirten im kaufmännischen Bereich. Anders als im klassischen Handwerk gibt es hier meist keine langen Wartelisten. Viele IHK‑Lehrgänge sind stärker theoretisch ausgerichtet und werden in Abend‑, Wochenend‑ oder Onlineformaten angeboten. Das lasse sich leichter an eine wachsende Nachfrage anpassen als praktische Meisterkurse in Werkstätten, erklärt Robert Wiedemann von der IHK‑Akademie Ostbayern.
Finanzierung: Meister wird attraktiver
Ein weiterer Grund für den Meister‑Boom dürfte die verbesserte Förderung sein. Mit dem Aufstiegs‑BAföG können Teilnehmende einen großen Teil der Lehrgangs‑ und Prüfungsgebühren als Zuschuss erhalten. Wer die Prüfung besteht, kann derzeit bis zu 75 Prozent dieser Kosten erlassen bekommen. In Bayern gibt es zusätzlich den Meisterbonus des Freistaats in Höhe von 3.000 Euro. Zusammengenommen können diese Hilfen dazu führen, dass die Kurs‑ und Prüfungsgebühren weitgehend abgedeckt sind.
Wartezeit als Chance
Für Betroffene wie Alexander Dieß bleiben die Wartezeiten eine Geduldsprobe. Die Übernahme eines Betriebs lässt sich nicht beliebig verschieben, und persönliche Pläne hängen oft an der Meisterprüfung. Gleichzeitig verweisen die Kammern darauf, dass sich die Zeit sinnvoll nutzen lasse: Gesellenjahre im Betrieb gelten als wertvolle Praxis, theoretische Teile des Meisters können häufig schon vorab besucht werden.
Alexander macht genau das: Er arbeitet im Familienbetrieb, hält ihn zusammen mit dem angestellten Meister am Laufen und bereitet sich schrittweise auf den Meisterkurs vor. Dass die Kursräume voll sind, bewertet er nicht nur negativ – für ihn ist es auch ein Zeichen, dass wieder mehr junge Menschen ins Handwerk gehen.
Malerarbeiten an einer Hausfassade im Landkreis Cham.
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