Altenstadt in Oberbayern. Mehr als 250 Kommunen im Umkreis von 100 Kilometern lassen bei der Firma Emter ihren Klärschlamm verbrennen. Erst einmal nichts Ungewöhnliches, doch die Firma schafft dabei etwas, was ihr bisher kaum jemand großtechnisch nachmachen kann. Sie holt dabei den Phosphor aus dem Klärschlamm zurück. Ihnen sei es gelungen, den Prozess integrativ mit in die Verbrennung einzubinden, erklärt Betriebsleiter Christoph Brey, der das Verfahren mitentwickelt hat: "Da sind wir auch richtig stolz drauf."
Phosphor: Endlich, aber elementar
Bisher ist das Verfahren noch eine Besonderheit. Ein großer Teil des Phosphorbedarfs wird momentan durch Importe gedeckt – vor allem aus Marokko oder Russland, wo er in Minen abgebaut wird. Doch laut aktuellen Schätzungen reichen die Vorkommen nur noch für wenige hundert Jahre. Ein weiteres Problem: Der Phosphor aus den Minen enthält oft Spuren von giftigen Schwermetallen wie Cadmium oder Uran. Weil Deutschland aber keine eigenen Phosphorvorkommen hat, sind wir auf den importierten Rohstoff dringend angewiesen. Rund 80 Prozent des Phosphors landen auf den Feldern – in Form von Dünger. Denn Pflanzen brauchen den Rohstoff zum Wachsen. Ohne Phosphor wäre unsere Nahrungsmittelversorgung nicht im gewohnten Maßstab möglich.
Ab 2029 soll Phosphor aus Klärschlamm recycelt werden
Damit Deutschland in puncto Phosphor künftig weniger auf andere Länder angewiesen ist, soll der Rohstoff aus Klärschlamm recycelt werden. Denn Menschen und Tiere nehmen Phosphor mit der Nahrung auf. Ein Teil wird für neue Körperzellen genutzt, der Rest wird ausgeschieden und landet in der Kläranlage und damit letztlich im Klärschlamm. Ab 2029 sollen größere Kläranlagen deshalb die Phosphorrückgewinnung einführen.
Aus Klärschlamm wird Phosphordünger
Diesen Klärschlamm lassen die Kommunen in der Regel von Klärschlammverwertern wie der Firma Emter verbrennen. Ihnen ist es möglich, dabei auch den Phosphor aus dem Klärschlamm zurückzuholen. Dazu wird Klärschlamm erst einmal getrocknet, er verliert knapp 75 Prozent seines Wassergehalts. Dem Klärschlamm wird daraufhin Natriumkarbonat beigemischt. Bei rund 900 Grad Celsius im Ofen reagiert das Additiv mit dem Phosphor und wandelt es in ein Phosphat mit hoher Düngewirkung um. "Dadurch erhalten wir bis zu 100 Prozent Pflanzenverfügbarkeit", sagt der Betriebsleiter der Anlage, Christoph Brey. Durch den Prozess entstehe ein hochdüngender Phosphordünger. Bis zu 15.000 Tonnen Phosphatdünger werden so pro Jahr produziert, bald auch für die Biolandwirtschaft. Doch warum machen andere Klärschlammverwerter das nicht einfach nach?
Die Kritik: Die meisten Verfahren sind noch nicht ausgereift
Beim Wasserwirtschaftstag in Nürnberg im Juli hat sich gezeigt: Viele Kommunen stehen in puncto Phosphorrückgewinnung noch vor Herausforderungen. Denn es fehlen die Partner, die das für sie umsetzen. Viele Verfahren zur Phosphorrückgewinnung sind bisher noch nicht ausgereift. Das berichtet auch Verena Streit, Koordinatorin der Klärschlammplattform des bayerischen Landesverbands der DWA (Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall). Deshalb sei man "noch nicht so weit in der Entwicklung und dem Aufbau der Kapazität, um bis 2029 die Phosphorrückgewinnung sicherstellen zu können", so Streit.
Dass es bei der Firma Emter trotzdem klappt, liegt an ihrem besonderen Ofen, den die Firma nutzt. Hier kann die Rückgewinnung direkt in die Verbrennung integriert werden. Doch diesen Ofen können andere Firmen nicht so einfach nachrüsten. Neu kaufen? Das finanzielle Risiko wollen viele nicht eingehen und setzen auf andere Verfahren. Ein Problem für viele Kommunen. "Gerade im Raum Nordbayern gibt es noch gar nichts", berichtet Martin Michel von der Abwasserbeseitigung Ochsenfurt. Man warte immer noch auf eine Lösung, die sich in vielen Bereichen schon anzeige, aber noch nicht großtechnisch da sei. Bisher bleibt darum unklar, ob und wie Phosphorrückgewinnung ab 2029 flächendeckend funktionieren kann.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
