Werkzeuge im Autopsiesaal
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Bildrechte: picture alliance/KEYSTONE | GEORGIOS KEFALAS
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Mord oder Unfall? Faszination Rechtsmedizin

Mord oder Unfall? Faszination Rechtsmedizin

Ob tödliche Schussverletzungen, Unfälle oder ein Herzinfarkt: Bei Thomas Kamphausen landen die unterschiedlichsten Fälle auf dem Sektionstisch. Der Erlanger Rechtsmediziner liebt seinen Job. Dabei hilft ihm auch sein Hobby: Er ist Jäger.

Über dieses Thema berichtet: Frankenschau aktuell am .

Das Institut für Rechtsmedizin in Erlangen. Seit dem 1. März 2025 ist das die Arbeitsstätte von Thomas Kamphausen. Vor knapp einem Jahr hat der 48-Jährige hier die Leitung übernommen. Der Sektionssaal im Untergeschoß mit den zwei großen Obduktionstischen sei das Herz der forensischen Medizin, erzählt er.

Rechtsmedizin: Ein Querschnitt durch die gesamte Medizin

Bevor es ihn nach Erlangen verschlug, war Kamphausen elf Jahre lang Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Köln. Dort hat er die Morphologie geleitet und den Bereich Forensische Bildgebung aufgebaut. Ursprünglich wollte Kamphausen Allgemeinmediziner oder Chirurg werden. Während des Studiums zog es ihn zunächst Richtung Landarztpraxis. Dann kam die Rechtsmedizin. "Ich hatte einen ganz tollen Oberarzt und einen ganz tollen Chef", erinnert er sich.

Die Begeisterung seiner Lehrenden habe ihn angesteckt. Er absolvierte Praktika, wurde studentische Hilfskraft – und blieb. Heute beschreibt er sein Fach als "Querschnitt durch die gesamte Medizin". So müssten Rechtsmediziner klinische Verläufe beurteilen, Behandlungsfehlervorwürfe einordnen und unterscheiden, ob Befunde auf eine innere Erkrankung oder auf eine Gewalteinwirkung zurückgehen.

Schusswaffenmorde in Deutschland: Selten, aber präzise analysiert

Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit ist die Wundballistik. Kamphausen untersucht die Wirkung von Projektilen im menschlichen Körper – bei tödlichen Schussunfällen, Suiziden mit Schusswaffen und, deutlich seltener, bei Tötungsdelikten. Er betont, dass Schusswaffenmorde in Deutschland keineswegs alltäglich seien. Wenn sie vorkommen, seien detaillierte ballistische Kenntnisse entscheidend: Eindringtiefe, Energieabgabe, Schussdistanz und -winkel.

Ziel ist die Rekonstruktion des Geschehens. Es gehe darum, aus Wunden, Gewebeveränderungen, Spuren und technischen Parametern den Ablauf eines Schusses zu rekonstruieren. "Die Methoden bedienen sich letztlich aller Werkzeuge, die uns in der Rechtsmedizin zur Verfügung stehen", erklärt Kamphausen. Morphologie, Molekulargenetik, Bildgebung, Toxikologie – alles greife ineinander. Ohne die enge Zusammenarbeit mit Polizei, Justiz und technischen Sachverständigen funktioniere es nicht.

Forensik vereint Expertenwissen

"Unsere Arbeit ist immer auch Detektivarbeit", sagt Kamphausen. Puzzleteil für Puzzleteil werde so zusammengesetzt: Stammt das Blut vom Opfer? Ist eine vermeintliche Tatwaffe überhaupt relevant? Welche Substanzen befanden sich im Körper? Um Antworten auf derlei Fragen zu bekommen, arbeiten die drei Abteilungen im Haus eng zusammen: die Forensische Medizin, die Molekulargenetik und die Toxikologie: Von der Leichenschau über die DNA-Analyse oder die Untersuchung von Giftstoffen bleibt so alles in einer Hand.

Jagdschein und Beruf: Wie Thomas Kamphausen profitiert

Bei der Arbeit hilfreich – sein Hobby: Thomas Kamphausen ist Jäger. Während seiner Studienzeit habe er den Jagdschein gemacht, erzählt er in seinem Büro, das in Jägergrün gehalten ist – mit Jagdmotiven und einem Bild von Dackel Ignaz an der Wand. Der Jagdschein sei keine berufliche Voraussetzung, aber die praktische Erfahrung im Umgang mit Waffen habe ihm fachlich genutzt. "Man schießt, um Wirkung zu erzielen", erläutert er den wissenschaftlichen Aspekt.

Sanierungsbedarf: Herausforderungen im ältesten Uni-Gebäude

Das Erlanger Institut steht aktuell vor strukturellen Herausforderungen. Der Bau stammt aus den Jahren 1954 bis 1957 und ist der älteste Nachkriegsbau der Friedrich-Alexander-Universität. "Grundsätzlich kernsanierungsbedürftig", sagt Kamphausen. Bei seinem Amtsantritt war der Hörsaal in einem desolaten Zustand: Möbel beschädigt, Splittergefahr inklusive.

Mit Mitteln aus seiner Berufung ließ er ihn renovieren – gebrauchte Bestuhlung aus einem anderen Institut, aufgearbeitet von Handwerkern. Immerhin: Die Bausubstanz gilt als stabil, die Labore sind großzügig geschnitten.

Institut stärkt rechtsmedizinische Versorgung in Nordostbayern

Ebenfalls Zukunftsmusik: ein institutseigener Schießstand und ein CT-Scanner für moderne bildgebende Verfahren, das würde sich der Professor perspektivisch für sein Institut wünschen.

Denn die Bedeutung des Standorts ist erheblich: In Bayern existieren nur drei rechtsmedizinische Institute – in München, Würzburg und Erlangen. Mit jährlich etwa 800 Obduktionen und zahlreichen Untersuchungen Lebender trägt Erlangen maßgeblich zur rechtsmedizinischen Versorgung des Nordostens des Freistaats bei.

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