"Es gab einen Riesenschlag. Der Turm ist nach dem Blitzeinschlag gefühlt ein Stück nach oben gegangen wie ein Ballon, ist explodiert und auseinandergeborsten", beschreibt Michaela Schwenkert ihre Erinnerungen an den Sommer 2025. Noch zwei Straßen weiter hatte sie abgeplatzte Schiefernplatten gefunden. Die Anwohnerin steht vor der kleinen Kapelle in Eßfeld im Landkreis Würzburg und schaut auf die Stelle, an der der Kapelle aus dem 18. Jahrhundert ihr Turm fehlt. Noch.
- Zum Artikel der Main-Post (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt): Nervenkitzel an der Eßfelder Kapelle: Der Autokran setzt den neuen Turm aufs Kirchendach
Turm der Eßfelder Kapelle saniert und neu verschiefert
Die 57-Jährige war bei dem Blitzeinschlag vor knapp zehn Monaten durch Zufall vor Ort. Dass die katholische Kapelle heute ihren Turm und die Gemeinde ihr Wahrzeichen zurückbekommt, freut die Eßfelderin sehr. Ende Juli war ein Blitz in den Glockenturm der denkmalgeschützten Kapelle eingeschlagen, der dadurch in Brand geraten war. Viele Menschen in Unterfranken hat das an den Brand von Notre Dame in Paris erinnert.
Der Turm war einsturzgefährdet und musste wenige Tage nach dem Brand abgebaut werden. In den vergangenen Wochen wurde er in zwei Teilen saniert: Bei der Basis waren 80 Prozent noch erhalten, diese wurde mit Eiche ergänzt. Die sieben Meter lange Spitze wurde mit Fichte restauriert. Dazu kamen knapp zwei Tonnen dunkler Schiefer für die Turmspitze, eine achteckige Pyramide.
"Der Wunsch des Denkmalschutzes war, möglichst viel Material zu erhalten. Das ging im Bereich des Turms. Während die Kirchturmspitze durch den Blitz so zerstört war, dass die Haube komplett neu gemacht werden musste", so Kirchenpfleger Peter Deppisch.
Nervenkitzel: Aufbau mit Kran in 35 Metern Höhe
Um kurz vor 11.00 Uhr ist es so weit: Der 16 Meter hohe und 3,7 Tonnen schwere sanierte Turm tritt seine Reise an, zurück auf die Kapelle. Die Spannung auf der Baustelle ist groß. Ein Team um Zimmermann Joachim Sieber montiert ihn in zwei Schritten. Zuerst die Holzbasis des Turms, sie passt gut auf die Vorrichtung. Sieber und sein Team müssen nur noch ein bisschen von innen nachbessern und sägen.
Dann der entscheidende Moment: Die aufwändig verschieferte Spitze soll auf den Turm gesetzt werden. Jetzt zählt wirklich jeder Zentimeter. Der riesige Autokran wuchtet die Spitze hinauf, hochkonzentriert manövriert der Fahrer sie durch die Luft. Das Handwerker-Team oben auf der Kapelle nimmt sie entgegen. Und: Sie passt perfekt auf den unteren Teil, gleich beim ersten Anlauf. Sieber sagt danach, er sei sehr glücklich und erleichtert über die Teamleistung und dass das Anbringen gleich beim ersten Versuch geklappt hätte.
Auch für Dachdecker Jochen Schuster war es ein besonderer Tag und Auftrag: "Mein Vater: Seine erste Arbeit nach seiner Gesellenprüfung war, diesen Kirchturm zu verschiefern. Somit war es mir eine Herzensangelegenheit, diesen Auftrag zu bekommen – und etwas wieder zu erbauen, was mein Vater gemacht hat", sagte er BR24.
Geschätzter Schaden: 140.000 Euro
Der geschätzte Schaden an der Kapelle liegt bei 140.000 Euro. Kirchenpfleger Peter Deppisch hofft, dass die Versicherung für die Sanierung aufkommen werde. Außerdem seien nach dem Brand ein paar Spenden zusammengekommen. Diese würden aber auch für die Sanierung des Innenbereichs benötigt. Dort ist durch die Löscharbeiten ein Wasserschaden entstanden.
Teile der Kapelle sind aus dem 11. Jahrhundert. Nicht nur die Kapelle, sondern auch Teile der Innenausstattung wie Figuren und Gemälde sind denkmalgeschützt. Sie konnten im vergangenen Juli unversehrt geborgen werden. Die Nikolauskapelle gilt als eines der ältesten Kirchengebäude der Region.
Große Freude über Kapellenturm
In Eßfeld haben viele Schaulustige beobachtet, wie das Team den neuen Turm angebracht hat. Die Erleichterung in dem kleinen Ort mit seinen knapp 700 Einwohnern und Einwohnerinnen ist spürbar. Michaela Schwenkert sagt, sie könne von ihrem Haus direkt auf die Kapelle schauen. Seit der Turm weg war, war etwas unvollständig. Umso mehr freut sie sich, dass dieser Teil ihrer Heimat jetzt wieder komplett ist.
BR24 auf Instagram: Kapelle erhält Turmspitze zurück
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