Bayerns versprochener Windkraft-Turbo stockt - warum?
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Nur drei neue Windräder in Bayern: Wo ist Aiwangers "Turbo"?

Nur drei neue Windräder in Bayern: Wo ist Aiwangers "Turbo"?

Gerade einmal drei Windräder sind im Freistaat im ersten Quartal in Betrieb gegangen – im kleineren Baden-Württemberg 15. Die SPD attackiert den bayerischen Energieminister, Aiwanger kontert: Die Kritik sei "irreführend". Er mahnt zur Geduld.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

Hubert Aiwanger (Freie Wähler) schwärmte: "Sie sehen mich heute sehr glücklich und zufrieden als Energieminister", sagte er nach einer Sitzung des bayerischen Kabinetts im Sommer 2022. "Weil wir den großen Durchbruch bei der Windkraftnutzung geschafft haben." Schriftlich schob er nach: "Wir schalten mit der Reform der 10H-Regel in Bayern den Windkraft-Turbo an." Im November 2022 trat eine Lockerung der strengen Vorgaben für den Abstand von Windrädern zu Wohnhäusern in Kraft, im Juni 2023 folgte eine weitere. Aiwanger betonte: "In den nächsten Jahren rechne ich mit über 1.000 neuen Windrädern."

Wie steht es jetzt, drei Jahre später, um den Ausbau? Das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien berichtet unter Berufung auf Daten der Bundesnetzagentur: Von Januar bis März wurden im Freistaat drei Anlagen mit einer Leistung von insgesamt 5,5 Megawatt in Betrieb genommen (externer Link). "Drei!", sagt SPD-Energieexperte Florian von Brunn. "Baden-Württemberg hat im selben Zeitraum fünfmal so viele Windräder zugebaut – an Leistung sogar das 13-Fache." Dabei sei Baden-Württemberg nur halb so groß wie Bayern und habe ähnlich ungünstige Windverhältnisse.

SPD: Reform "gescheitert"

Tatsächlich gingen im Nachbarland im ersten Quartal 15 Anlagen mit 71,3 Megawatt an den Start. Im ganzen Jahr 2025 kam Bayern auf 17 Anlagen mit 86,2 MW, Baden-Württemberg auf ungefähr doppelt so viele: 32 Anlagen mit 190,8 MW. "Da stehen doch die Ankündigungen von Hubert Aiwanger in krassem Widerspruch zur Realität", sagt von Brunn und betont: Nach drei Jahren müssten sich Effekte der 10H-Reform schon zeigen – denn laut Deutsche Windguard betrage die durchschnittliche Realisierungszeit zwischen Genehmigung und Inbetriebnahme bundesweit 29 Monate. "Die reformierte 10H-Regel ist gescheitert."

Bayern müsse den Ausbau der erneuerbaren Energien massiv beschleunigen und die unter Horst Seehofer (CSU) eingeführte "10H-Bremse" endgültig lösen, fordert der SPD-Politiker. "Wir merken ja gerade als Folge des Iran-Kriegs, wie wichtig es ist, dass wir uns unabhängig machen von Öl und Gas." Es genüge nicht, dass Aiwanger immer auf Genehmigungsverfahren verweise. "Warum kommen genehmigte Windräder in Bayern nicht zum Bau, während das in Baden-Württemberg funktioniert?"

Aiwangers Konter

Aiwanger kontert: "Hier wird gezielt irreführend argumentiert." Der Vorlauf für den Bau neuer Windräder habe bisher bei fünf bis sieben Jahren gelegen, 10H sei aber erst vor drei Jahren gelockert worden. "Wir konnten noch gar nicht von diesen neuen Regelungen profitieren." Wichtig sei, was Bayern "in der Pipeline" habe: 300 Windräder seien schon genehmigt, 700 in der Genehmigung, "weitere Hunderte im Anmarsch".

Jetzt gelte es, diese Windräder auch zu realisieren. Das Problem: Bayern habe schlechtere Windbedingungen als norddeutsche Standorte. Deswegen setze sich der Norden in Ausschreibungen der Bundesnetzagentur oft durch. Nötig sei eine höhere Vergütung für den Süden: "Jeder, der uns jetzt kritisiert und im Bund mitregiert, soll sich dort dafür einsetzen, dass wir in Bayern ordentlich für die Windräder entschädigt werden." Dann werde im Freistaat in den nächsten Jahren "deutlich mehr gebaut als in vielen anderen Bundesländern".

"Blick in die Vergangenheit"

Unterstützung bekommt Aiwanger vom Bundesverband Windenergie (BWE). Windkraftprojekte bräuchten etwa zwei Jahre von Planungsbeginn bis Genehmigung und anschließend noch zwei bis drei Jahre bis Inbetriebnahme, sagt BWE-Landeschef Bernd Wust. "Die heutigen Zubau-Zahlen sind deswegen ein Blick in die Vergangenheit." Vor fünf Jahren habe es 10H noch gegeben. Seit 2024 seien die Genehmigungszahlen stark gestiegen, etwa 175 Anlagen hätten in den vergangen zwei Jahren Zuschläge der Bundesnetzagentur erhalten und "werden gerade gebaut". Ein Plus werde sich schon heuer zeigen, noch größer werde es 2027.

In Bayern liege das Problem nicht mehr bei 10H, sondern im Ausschreibungssystem der Bundesnetzagentur, erklärt Wust. "Die derzeitigen Ausschreibungsbedingungen sind für süddeutsche Projekte wirklich schlecht." Knapp 200 Anlagen in Bayern warteten derzeit auf Zuschläge der Bundesnetzagentur. "Wenn diese nicht erteilt werden, wird es ab Ende 2028 zu einem neuen Einbruch der Inbetriebnahme-Zahlen kommen."

Archivbild: Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und Umweltminister Thorsten Glauber (beide Freie Wähler) vor Windrädern
Bildrechte: picture alliance/dpa | Daniel Karmann
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Archivbild: Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und Umweltminister Thorsten Glauber (beide Freie Wähler) vor Windrädern

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