Ein Schuss zerreißt die Stille: Die Patrouille wird angegriffen. "Deckungsfeuer verschieben", lautet die Anweisung. Kein Soldat weiß, wie viele feindliche Soldaten unterwegs sind und wo sie lauern. Einige beginnen darum, eigenständig zu handeln. Wo bleiben eigentlich die Ansagen von Zugführer Kai Friedrich?
Dabei hatte Kai Friedrich die Bundeswehr-Laufbahn schon vor 35 Jahren hinter sich gelassen. Eigentlich. Obwohl er in seinem zivilen Leben Banker ist, steht der 56-Jährige jetzt in Tarnkleidung auf dem Übungsgelände der Bundeswehr in Roth – und nimmt als Reservist an der 24-Stunden-Übung des Heimatschutzregiments 1 teil. Sie ist der Höhepunkt und Abschluss eines zweiwöchigen Lehrgangs. "Kontrovers – Die Story" begleitet Kai Friedrich. Wie viel Soldat ist Jahrzehnte nach seiner Zeit beim Bund noch übrig?
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Erst vor wenigen Monaten entschied er sich, Reservist zu werden – Jahrzehnte nach seiner Zeit als Fallschirmjäger. Als Reservist will er nochmal durchstarten, in der Hierarchie aufsteigen. Bei der Übung heute soll Kai Friedrich als Zugführer rund 30 Soldaten Kommandos geben. Das Szenario: Die Reservisten sollen ein Munitionslager schützen.
"Reservisten am Limit": Die Kontrovers-Reportage im Video
140.000 Reservisten fehlen
Die Bundeswehr will die Zahl der Reservisten auf 200.000 steigern, vor allem für den Heimatschutz. Aktuell gibt es etwa 60.000 aktive Reservisten wie Kai Friedrich. Heimatschutz ist eine wichtige Aufgabe der Bundeswehr: Im Ernstfall muss das eigene Territorium gesichert werden. Und Deutschland muss als logistische Drehscheibe der Nato reibungslos funktionieren. Diese Aufgabe übernehmen vor allem Reservisten.
Um im Fall der Fälle den Aufgaben gewachsen und mit den Abläufen vertraut zu sein, sollen Reservisten drei bis vier Wochen jährlich üben. Die Bundeswehr übernimmt den Verdienstausfall in dieser Zeit. Und dennoch gibt es nicht genug Aktive. Ein Grund: Nicht immer sind Arbeitgeber dafür offen. Inzwischen hat das Bundeskabinett ein Gesetz auf den Weg gebracht: Reservisten sollen künftig zu Einsätzen verpflichtet werden können.
Die Übung beginnt
Wie werden sich die Reservisten heute bei der Übung schlagen, die sich die Ausbilder ausgedacht haben? Kai Friedrich analysiert erstmal, wie er das rund fünf Hektar große Gelände am besten sichern kann. Sie müssen sich auf alles gefasst machen.
Ausbilder Dirk macht klar: Fehler sind Teil des Trainings. "Schiefgehen kann alles. Das sehen wir dann, wenn es in der Ausbildung passiert – und dann wird es abgestellt."
Übung mit verschiedenen Szenarien
Immer wieder gibt es Zwischenfälle im Rahmen der Übung: Verdächtige Personen werden am Zaun entdeckt – und können schließlich festgesetzt werden. In der Nacht verändert sich die Lage wieder. Kai Friedrich warnt die Mannschaft: "Es besteht ein dringender Verdacht, dass Feinde uns hier ausspähen." Mit Nachtsichtgeräten ausgestattet versucht die Einheit, die Situation unter Kontrolle zu bringen: Wer sind die Feinde, wie viele gibt es? Höchste Konzentration ist gefragt, an Schlaf ist nicht zu denken.
Doch ein Angriff bleibt aus.
Dann wird eine Frau festgesetzt: Sie soll versucht haben, einen Molotow-Cocktail auf den Wachturm zu werfen. Die Lage scheint unter Kontrolle. Dann die nächste Meldung: Weitere Verdächtige – aber kaum noch Reserven. Und der Drohnenpilot? Wurde von den Ausbildern abgezogen. Die Reservisten sind auf sich allein gestellt.
Improvisation oder Koordination?
Doch die übrige Nacht bleibt ruhig. Bis die Schüsse die Ruhe zerreißen: Am Haupttor kommt es zu Dauerbeschuss. Die Lage ist unübersichtlich – Unruhe bricht unter den Soldaten aus, manche handeln auf eigene Faust. Außerdem geht die Munition aus.
Da melden sich Kai Friedrich und sein Drohnenpilot aus geschützter Position. "Drei Mann, Waldrand. Vier Mann, Zufahrt. Drei Mann, rechter Hand", gibt der Zugführer die gegnerischen Positionen an die Einheit weiter.
Übung vorbei – was ist das Fazit?
Plötzlich endet der Beschuss: Die Übung ist vorbei.
Bei der Manöverkritik sehen die Ausbilder Potenzial. Der stellvertretende Kommandeur lobt die Gruppenzusammensetzung – vor allem dafür, dass die Truppe unregelmäßig übt und wenige Routinen haben kann.
Die Anforderungen an die Reservisten sind hoch – vor allem, wenn man mehr als 35 Jahre nicht mehr beim Militär war. Für Kai Friedrich ist klar: Er will weitermachen – und immer besser werden.
Im Video: Kontrovers-Interview mit Bastian Ernst, MdB (CDU), Präsident Reservistenverband
Ein Gesetzentwurf soll Reservisten zu mehr Übungen verpflichten. Firmen würden entschädigt; Risiken sieht der Reservistenverband kaum.
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