Yasemin und Engin Kılıç haben die meisten Sachen ihres ermordeten Sohnes zu ihrer Familie in die Türkei gebracht. Nur ein paar Dinge von Selçuk bewahren sie immer noch in ihrer Münchner Wohnung auf: seinen Haustürschlüssel, ein paar Kleidungsstücke, seinen Geldbeutel, seine Uhr. Selçuks Mutter hat die Sachen, die er damals dabei hatte, von der Polizei in einem Beutel zurückbekommen, es war alles voller Blut. Sie zeigt die Sachen jetzt dem Team des BR-Politikmagazins Kontrovers. "Ich habe es mit meinen eigenen Händen sauber gemacht", sagt sie.+
Eltern wollen an ihren Jungen erinnern
Zehn Jahre sind vergangen seit dem Attentat im Münchner Einkaufszentrum OEZ. Erst jetzt können die Eltern, die ihren Sohn dabei verloren haben, im Fernsehen darüber sprechen. Sie wollen an Selçuk erinnern, der nur 15 Jahre alt wurde. Mit fünf war er schon dreimal die Woche im Fußballtraining, erzählt seine Mutter, und auch sonst war er für jeden Sport zu haben. Kurz bevor er starb, hatte Selçuk seinen Quali geschafft, die Eltern waren stolz auf ihn.
Sohn wollte seinen Schulabschluss feiern
Am späten Nachmittag des 22. Juli 2016 trifft sich der Jugendliche mit Freunden am Olympia-Einkaufszentrum. Sie sitzen gegenüber bei McDonalds, an einem Tisch im Obergeschoss. Am selben Tag hatte Selçuk in der Schule seine Abschlussfeier gehabt, danach wollte er noch ein wenig im Freundeskreis feiern. Doch dann kommt alles ganz anders: Er und seine Freunde werden Opfer eines Attentats.
Polizist spricht über Tathergang und Ermittlungsergebnisse
Ludwig Waldinger vom Bayerischen Landeskriminalamt war damals im Einsatz. Er erzählt, was Augenzeugen berichteten und Überwachungskameras zeigten: "Der Attentäter… kam mit gezogener Waffe aus der Toilette und ging direkt zu dem Tisch neben ihm und schoss 18 Mal auf die dort sitzenden sechs Kinder und Jugendlichen."
Nur einer von ihnen überlebt schwer verletzt. Später stellt sich heraus, dass der 18-jährige Täter ganz bewusst Menschen mit Migrationshintergrund töten wollte. Er hatte die Tat geplant, wollte zuvor sogar ganz bestimmte Leute an den Anschlagsort locken. Ludwig Waldinger und seine Kollegen fanden heraus, der Täter hatte "Menschen eingeladen über einen Fake-Facebook-Account und es kam bloß niemand, den er eingeladen hat".
Verzweifelte Suche des Vaters am Abend des Anschlags
Engin Kılıç, Selçuks Vater, sucht nach seinem Sohn, nachdem er von den Schüssen gehört hat und sein Kind nicht erreichen kann. Irgendwann steht er vor dem McDonald's, wo es passiert war. Engin Kılıç erinnert sich: "Trotz großer Absperrungen von der Polizei war ich am Tatort drin. Ich habe dann alle fünf Leichen gesehen."
Der Vater, der damals sein Kind verloren hat, kann immer noch nicht fassen, was ihm dann passiert: "Ich habe gesagt, ich suche meinen Sohn. Dann hat einer geschrien, ich soll mich auf den Boden legen … hinter mir waren fünf, sechs, sieben Polizeibeamte, die haben mich runtergedrückt, mit Handschellen, haben mich festgenommen."
Kurz danach wird Engin Kılıç wieder freigelassen. Zusammen mit seiner Frau erfährt er Stunden später von einem Zelt, wo die Polizei Informationen über vermisste Personen herausgibt. Dort erhalten die Eltern schließlich die Nachricht, dass auch ihr Sohn unter den neun Getöteten ist. Sie werden nach der Frisur ihres Sohnes gefragt, nach seinem Ohrring. Dann ist jeder Zweifel ausgeschlossen. Die Eltern werden von der Polizei nach Hause geschickt. Es gibt keinen psychologischen Beistand, keine Antworten auf die vielen Fragen der beiden.
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