Es ist still geworden auf dem Zugspitzplatt. Kein Skibetrieb mehr, kein Stimmengewirr, kein Kratzen von Skikanten im Schnee. Stattdessen stehen Kamerateams im Wind, Mikrofone werden ausgerichtet, Blicke gehen hinauf zum Hang unterhalb des Schneefernerkopfs. Dann: ein Signalton. Noch einer.
120 Sekunden später zerreißt ein dumpfer Knall die Stille. Die Stahlseile des Schneefernerkopflifts sind durchtrennt. Noch bevor das Echo von den Felswänden zurückkommt, kippen die Stützen. Eine nach der anderen. Drei stürzen in den Schnee, drei bleiben schräg im Hang hängen. Es ist kein Spektakel. Eher ein stiller, endgültiger Moment.
Ein Lift, der auf Eis gebaut war
Der Schneefernerkopflift war nie wie andere Anlagen. Seine Stützen standen nicht auf Betonfundamenten, sondern direkt auf dem Gletscher, beweglich gelagert und nur durch zwei gespannte Stahlseile in Position gehalten. Dieses System funktionierte jahrzehntelang – solange das Eis stabil war. Doch genau dieses Fundament verschwindet. "Die Lifttrasse ist für einen sicheren Betrieb mittlerweile viel zu steil", sagt Betriebsleiter Matthias Ostler. Der Hang hat sich verändert, ist steiler geworden, das Eis darunter dünner. Die Anlage konnte zuletzt nicht einmal mehr betrieben werden. Am Ende blieb nur der Rückbau. Und der begann mit einer Sprengung.
Die Stützen für den Lift sind auf Eis gebaut, doch das schmilzt immer weiter.
Wenn der Gletscher den Berg verändert
Die Veränderungen am Nördlichen Schneeferner sind nicht nur messbar, sondern sichtbar: Aus einer einst leichten, blauen Anfängerpiste ist eine anspruchsvolle schwarze Abfahrt geworden, erklärt Laura Schaper von der Zugspitzbahn BR24. Im unteren Bereich geht es inzwischen sogar wieder leicht bergauf. Wer hier noch hinunterfährt, braucht Tempo – sonst bleibt er stehen. Der Grund liegt unter der Oberfläche: Der Gletscher verliert massiv an Masse. Senken entstehen, Geländeformen kippen, vertraute Linien verschwinden.
Das Herz des Skigebiets verschwindet
Seit seiner Eröffnung 1967 war der Schneefernerkopflift das Herz von Deutschlands höchstem Skigebiet. Viele Wintersportler starteten hier früh in die Saison, oft schon im Oktober. Entsprechend groß ist die emotionale Bedeutung dieses Moments. Toni Huber, der Vorstand der bayerischen Zugspitzbahn, erinnert sich noch gut, wie er als Kind hier Skifahren gelernt hat. Mitarbeitende der Bayerischen Zugspitzbahn, ehemalige Skifahrer und Beobachter verfolgen die Sprengung. Nicht allen fällt der Abschied leicht. Und doch ist klar: Die Anlage war nicht mehr zu halten.
Eine Abfahrt auf dem Gletscher ist in Deutschland jetzt nicht mehr möglich.
Zahlen, die den Rückzug erklären
Zwischen 2023 und 2025 haben die deutschen Gletscher mehr als ein Viertel ihrer Fläche verloren, berichtet Laura Schmidt von der Forschungsstation Schneefernerhaus. Rund eine Million Kubikmeter Eis sind verschwunden. Die Eisdicke habe im Durchschnitt um 1,6 Meter pro Jahr abgenommen – doppelt so schnell wie noch wenige Jahre zuvor, sagt sie. Am Nördlichen Schneeferner ist der Rückgang besonders drastisch. Entlang der Lifttrasse gingen bis zu sieben bis acht Meter Eis verloren. Rund 30 Prozent weniger Gletscher zwischen den Messungen 2023 bis 2025 sprechen für sich. Der Lift verlor damit buchstäblich seinen Untergrund.
Ein Skigebiet ohne Gletscher
Mit dem Rückbau des Schneefernerkopflifts endet eine Ära: Ein echtes Gletscher-Skigebiet gibt es in Deutschland nicht mehr. Zwar bleiben weiter unten noch Lifte und Sesselbahnen bestehen. Doch der eigentliche Gletscher ist kaum noch erschlossen. Wer dort hinauf will, muss inzwischen zu Fuß gehen.
Winterwandern, Rodeln und geführte Touren rücken in den Vordergrund. Im Sommer werden Gletscherexkursionen angeboten, um Besuchern die Veränderungen direkt vor Augen zu führen. Der Klimawandel ist auf der Zugspitze unmittelbar sichtbar. Die Jahre 2024 und 2025 waren die wärmsten seit Beginn der Messungen. Auf der Zugspitze lag die Durchschnittstemperatur mehr als zwei Grad über dem langjährigen Mittel. Für die Gletscher bedeutet das: keine Erholung mehr, nur noch Rückzug.
Der Moment danach
Nach der Sprengung beginnen die Aufräumarbeiten. Die Stützen werden zerlegt, mit Pistenraupen zur Station Sonnalpin gebracht und von dort mit der Zahnradbahn ins Tal transportiert. Am Hang bleibt eine Lücke. Der Schneefernerkopflift ist nicht verschwunden, weil er veraltet war. Er ist verschwunden, weil das Eis, auf dem er stand, verschwindet. Und auch der nördliche Schneeferner wird bald ganz geschmolzen sein. Bis 2030 geben die Forscher dem sterbenden Gletscher noch.
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