Am gut 7.200 Meter hohen Berg Langtang Lirung in Nepal stürzten große Mengen Gestein in die Tiefe. Ersten Schätzungen zufolge war das Volumen viel größer als bei der Fels-Eis-Lawine in Blatten in der Schweiz vor einem Jahr. Das Ereignis in Nepal sei "deutlich mehr als ein Zehnerfaktor noch drüber", erklärt Geoforscher Michael Krautblatter von der Technischen Universität München. Er betont, dass man im aktuellen Fall von einem "großen Bergsturz, der auch ein bisschen Eis oben drauf hat", sprechen kann. Was noch nicht ganz klar sei, ist die Frage, woher das viele Wasser kam, das nach dem Bergsturz zusammen mit Gestein und Eis ganze Ortschaften verwüstet hat. Möglicherweise habe ein zuvor aufgestauter See im Tal für das viele Wasser gesorgt.
Warum Bergstürze in den Alpen leichter vorherzusagen sind
So ein Bergsturz ist schwer vorherzusagen - in den Alpen geht das etwas leichter. Schutzmaßnahmen in den Alpen zielen darauf ab, riskante Areale – etwa steile Hänge, Gletscher und Gletscherseen – zu identifizieren und zu beobachten, erklärt Niels Hovius vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung. So wurde im Mai 2025 das drohende Abrutschen des Birchgletschers im Schweizer Kanton Wallis rechtzeitig erkannt. Der Ort Blatten wurde evakuiert, bevor der Gletscherabbruch ihn am 28. Mai 2025 unter sich begrub.
"Blatten ist das allerbeste Beispiel, dass solche Ereignisse vorhersagbar sind, wenn man wirklich ein gutes Auge auf diese einzelne Stelle hat", erklärt auch die Innsbrucker Gletscherforscherin Andrea Fischer. Solche Prozesse früh zu erkennen, sei in den Alpen einfacher, weil hier mehr Menschen unterwegs sind. "Das ist in Nepal sehr, sehr schwierig, wo die Größenordnung sowohl der Ereignisse als auch der zu beobachtenden Fläche noch einmal eine ganz andere ist und auch die Ressourcen noch einmal eingeschränkter sind", erklärt Fischer. Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt.
Geoforscher Hovius betont, dass Überwachungen wie in der Schweiz sehr kostspielig sind. Für riesige Gebirgsregionen wie Himalaya, Karakorum und Anden sei dieser teure und arbeitsintensive Ansatz nicht zu stemmen. Es gebe aber bereits ein Konzept für ein geeignetes, automatisiertes Frühwarnsystem, so der Experte.
Erschütterungen erkennen
Dabei sollen speziell auf oberflächliche Erschütterungen ausgerichtete Seismometer Ereignisse wie Felsstürze, Gletscherabbrüche – und auch Sturzfluten – registrieren und genau lokalisieren. Für die präzise Lokalisierung müsste das Messnetz in vielen gefährdeten Regionen wie dem Himalaya aber noch verfeinert werden, erklärt Hovius. Glaziologin Fischer betont, es sei vor allem wichtig, gutes Monitoring zu betreiben und auch kleinere Vorereignisse an Bergen, etwa Risse, wahrzunehmen, um solche Katastrophen zu vermeiden.
Für die aktuelle Sturzflut im Himalaya war die Vorlaufzeit extrem kurz: Laut Geoforscher Hovius lagen zwischen dem Gletscherabbruch und dem Eintreffen der Flutwelle an der tibetisch-nepalesischen Grenzstation Gyirong keine zehn Minuten.
Die Gletscher im Himalaya schmelzen wegen des Klimawandels schneller als je zuvor. Schmelzende Gletscher können Berghänge destabilisieren und das Risiko von Erdrutschen erhöhen. Auch im Alpenraum trat diese Art von Prozessen in den vergangenen Jahren verstärkt auf, sagt Gletscherforscherin Fischer.
Ein Berg in Bayern wird besonders genau überwacht
Auch einem Gipfel in Bayern droht ein großer Fels- oder sogar Bergsturz, dem Hochvogel bei Bad Hindelang im Oberallgäu. Im Gipfel des Hochvogels klafft ein Spalt, der immer tiefer wird. Michael Krautblatter leitet an der Technischen Universität München den Lehrstuhl für Hangbewegungen. Mit seinem Team entwickelt er Frühwarnsysteme für den alpinen Raum. Die Forscher beobachten den Gipfel minutiös, Sensoren registrieren und melden jede Bewegung. Die nächsten Ortschaften wären nicht direkt vom Felssturz betroffen. Dennoch müssten alle rechtzeitig gewarnt werden, insbesondere auch Bergsteiger.
Mit Informationen von dpa und AFP.
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